Archiv für die Kategorie ‘Aging in miniatures’


© evelyne w.

 

 

Das Wichtigste

„Du kannst leicht reden“, sagt sie. „Du bist gesund und gut verheiratet. Hast keine Sorgen. Da kann man gut alt sein.“
Kann man das?
Ja, das kann man. Ich weiß es.
Aber wieso machen es dennoch so wenig andere?

„Gesundheit ist das Wichtigste“, sagt sie.
Aha, denke ich. Da scheiden sich schon unsere Geister.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit ist das Wichtigste.“
Sie schüttelt den Kopf. „Ohne Gesundheit ist alles nichts.“

„Faschistoid“, sage ich. „Ist dieser Gedanke.“ Und spüre, wie die Jugend in mir hochdrängt. Als Kämpfergeist für all die Kranken. Deren Leben dadurch pauschal abgewertet wird.

„Und dein Mann. So einen findet man selten. Da hast du viel Glück gehabt“, sagt sie.
Gehabt? Frage ich mich. Und bin glücklich.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit macht glücklich.“
Sie schüttelt den Kopf. „Aber wenn man keinen solchen Mann hat.“

„Nicht jede war mit ihm glücklich“, sage ich. Und spüre wie die Jugend in mir hochdrängt. Als Egoismus. Diesen Mann lieben zu wollen. So wie er ist.

„Hast keine Sorgen“, wiederholt sie.
Nicht? Denke ich. Und an meinen Alltag voller Ansprüche. An mich.
„Zufriedenheit“, sage ich. „Zufriedenheit schafft viele Sorgen aus der Welt.“
Sie schüttelt den Kopf. „Aber wenn man kein Geld hat.“

„Geld bringt Sorgen in die Welt“, sage ich. Und spüre wie die Jugend in mir hochdrängt. Als ich mit sehr viel weniger genauso glücklich war, wie ich es heute wieder bin.

Demut breitet sich in mir aus. Weil ich nach all den Jahren auf der Jagd nach Gesundheit, Partnerschaft und Geld zu der Erfahrung fand:
Zufriedenheit ist das Wichtigste.
Und glücklich alt werden kann.

 

 

Die Einladung

Ich warte. Ein Paar tritt an die Theke.
Ist hier noch frei, fragt der junge Mann höflich. Ich nicke. Und lächle.
Sie küsst ihn.
Es dauert nicht lang, sagt sie. Er lächelt. Wissend.
Sie küsst ihn nochmals. Ihr Blick streift über mich. Sie lächelt. Beruhigt.

Ein schnuckeliges Kerlchen. Die schönen Hände. Dieser knackige Hintern. Denke ich. Und lächle. In mich hinein.
Sein Blick streift über mich. Gelangweilt. An mir vorbei.
Der Kaffee ist gut hier, sage ich. Und lächle. Einladend. Ich kann mir das leisten. Jetzt.
Danke für den Tipp, sagt er. Und lächelt. Überrascht.

Unser Gespräch ist spannend. Er ist entspannt. Ich bin es auch.
Mein Mann tritt zu uns.
Dich kann man nirgends allein lassen, sagt er. Und grinst.
Oh, sagt der junge Mann. Und grinst ebenfalls.

Die junge Frau tritt zu uns. Sie lächelt. Beruhigt.

 

die einladung - audio

 

 

 

Gewinnbringend

Und dann denke ich nach.
Ich trete aus meiner persönlichen Erfahrung heraus. Und schaue mich um.
Jugend bis ins hohe Alter wird propagiert. Propagiert? Nein, gefordert!
Nur so scheint Alter lebenswert.

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Doch die Vorzüge des Alters werden versteckt. Sie bringen keinen Gewinn. Für die Wirtschaft.

Ist Jugend wirklich nur ein straffer Körper? Hat Jugend nur in diesem Platz?
In einem welken Körper ist sehr viel Platz für Jugend.
In jeder Falte bietet sich Raum für Interesse und Spontaneität. In jeder Runzel ist eine Sammelstelle für Zärtlichkeit und Wärme. Jede Dioptrie mehr schafft Möglichkeit zum schärferen Hinsehen. Und jede Rüsche um den Mund verliert sich beim oftmaligen Lachen.

Ein schlaffer Geist macht alt. Kein schlaffer Körper!
Ein enger Blick. Ein starrer Mund. Eine leere Hand.

Viel zu oft treffe ich Menschen, jünger an Jahren, die älter sind als ich.
Gewinnbringer. Für die Wirtschaft. Nicht für sich selbst.

 

 

Geistzeit

Ich bin ein Wirtschaftsfaktor. Sonst nix. Mehr.
Für die Gesellschaft. Im Allgemeinen.
Für meine Familie und Freunde natürlich nicht. Dafür habe ich gesorgt.
Vorsorgen ist wichtig. Wenn auch anders als in der Werbung propagiert.

Als Wirtschaftsfaktor hat man ein gutes Leben. Es werden viele Produkte und Aktionen angeboten. Man kann sie nützen. Oder nicht. Aber es gibt sie. Immerhin.
Wieder einmal: die Gnade der Geburt!

Dass man dem Alter in der Öffentlichkeit sonst keinen Raum gibt, schafft der Persönlichkeit große Räume. Ein Schritt neben dem Mainstream lebt es sich angenehm. In jedem Alter.
Doch in der Jugend wird das bemerkt. Und ist ein Makel. Den Makel des Alters gibt es nur pauschal. Als Zeitgeist.
Doch was interessiert mich der Zeitgeist?

Ich habe vorgesorgt. Mein Geist ist zeitlos. Und meine Zeit nicht geistlos.

 

 

Erfahrungen

Sie stampft mit dem Fuß auf.
„Mama sagte – das verstehst du nicht. Da bist du noch zu jung dafür. Wieso glauben die Alten immer, dass sie gescheiter sind?“
Ich lächle. Ich verstehe sie gut.
„Liebes“, sage ich, „wir sind nicht gescheiter, sondern erfahrener.“
„Aber deshalb kann ich doch auch etwas verstehen.“
„Selbstverständlich. Und deine Sicht auf die Dinge sollte für die Alten immer interessant bleiben.“
Sie schmiegt sich flüchtig an mich.
„Entschuldige bitte!“
„Wofür?“
„Für die Alten.“
„Komm, lass uns nicht an Begriffen hängen bleiben. Du nicht am Zu-jung-sein. Ich nicht am Alt-sein. Doch deine Sicht auf die Dinge haben die Alten wahrscheinlich schon hinter sich. Du aber musst noch viele Erfahrungen machen, um eine reifere Sicht auf die Dinge zu bekommen.“
„Wenn ich das schon höre. Erfahrungen machen. Ich will einfach leben.“
Ich lächle wieder.
„Leben ist, aus Erfahrungen zu lernen.“
Sie kräuselt die Nase.
„Wie das schon klingt …“
Wieder verstehe ich. Doch wie kann ich ihr helfen, zu verstehen?
Meine Erfahrung wird mir einen Weg zeigen.

 

 

Maler des Lebens

Herbstlich bunt ist mein Blick geworden. Und ich stülpe seine Wärme in mich. Sammle Laub. Je länger ich lebe, desto mehr Wärme konnte ich in meinem Inneren sammeln. Im Winter, wenn ich nicht mehr vor die Tür gehen kann, wird es bunt und warm in mir sein.

Ich denke an die Jugend. Zuviel Schwarz-weiß in meinem Streben. Die Buntheit kam von Plakatwänden. Trug Hochglanz nur in Magazinen.
Meine Augen suchten die Ferne. Sie verhieß das Glück des Frühlings. Die Hitze gaukelte die Liebe des Sommers. Zu mir.
Wer mich nicht liebte, war ein schwarzer Punkt. Wer mich liebte, falsch informiert. Ich selbst, ein blinder Fleck. Und doch nicht weiß.

Erst kam das Grau. Dann die Erkenntnis.
Erfahrung ist der Maler des Lebens. Ich habe ihn getroffen. Zur rechten Zeit.
Mein Herbst ist bunt. Im Winter wird mein Haus warm sein.

 

 

Sehen und gesehen werden.

Sehen.
Natürlich trage ich eine Brille. Und natürlich ist sie bunt. Ich sehe damit, was ich sehen will. In der Nähe sehe ich besser. Und das ist gut. Nähe ist wichtiger geworden. Nähe richtig zu erkennen.
Für die Weite nehme ich die Brille ab. Alles wird weich. Und ich sehe mit dem Herzen.

Gesehen werden.
Ist nicht mehr so wichtig. Ich will auf kein Plakat. Und auf keine Bühne mehr.
Will die Nähe. Und die – sehe ICH.

 

 

Paradiesisch

Nichts mehr zu müssen.
Ein paradiesischer Zustand. Der nur von wenigen erkannt wird. Ich verstehe das nicht. Ich genieße.
Ein Leben lang habe ich gearbeitet. Für andere. Für mich. An mir.
Jetzt ernte ich.
Natürlich habe ich es gut. Ich war nie Sportlerin. Ein Manko in früheren Jahren. Heute nicht mehr.
Und mein Körper dankt es mir.
Apropos Körper. Ich liebe meinen Körper. Endlich. Früher und noch früher waren alle schöner. Waren alle schlanker. Dachte ich. Heute nicht mehr. Heute denke ich.
Heute sehe ich aus, wie man in meiner Altersgruppe aussieht. Vielleicht entspannter als so viele. 5 Jahre mehr. 5 Jahre weniger. Oder gar 10? Wen interessiert’s? Ich habe nicht verloren. Die anderen schon.

Gedanken habe ich mir gemacht. Viele. Immer geforscht. Immer gesucht. Oft wurde ich dafür belächelt. Heute lächle ich. Meine Gedanken haben mir Wege gezeigt.
Das Alter zu genießen. In innerer Jugend. Nicht in äußerer.

 

 

getarnt

Ich färbe mein Haar. Herbstrot. Lodernd. Orange. Ich werde es noch mit neunzig tun. Es ist mein Leuchtturm. Werde sofort gesehen. Und meine Tarnkappe. Bedecke ich es, bin ich unsichtbar.
Es ist angenehm. Sich selbst anknipsen zu können. In Gesellschaft. Nur mehr gesehen zu werden, wenn man es will.
Niemand stellt meiner Jugend nach. Meinem Arsch. Meinem Busen.
Und sieht nicht mich. Und hört nicht mich. Und liebt nicht mich. Ist nur verliebt. In die Jugend.

Ich gebe was ich tue. Ich gebe was ich bin. Ich gebe meine Jugend. Mir. Und dem der sie erkennt. Hört er meine Worte. Sieht er in meine Augen. Sucht nicht mein Haar.