Gedanken über die Angst – I. Jeder hat Angst

Veröffentlicht: 29. Mai 2013 in Die Wichtigkeit des Seins, Gedanken über ..., Kolumne
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Wie schön wäre das Leben ohne Angst …

I.

Jeder hat Angst. Doch jeder glaubt, er hat ganz eigene, spezielle Ängste.
Gemessen wird die Angst an der sogenannten Realangst, denn diese ist bewusst und bietet überdies Vergleich.
Doch die Angst spielt sich nicht im Realen ab. Das ist lediglich ihr Ausdruck.

Die Angst wohnt tief im Inneren des Menschen und wird dort täglich gefüttert. Von ihm selbst und auch von Anderen. Meistens unbewusst.

Es gibt eigentlich nur eine Angst, die menschlich fundiert ist: das ist die Ur-Angst vor der Einsamkeit. Der Mensch ist ein Herdenwesen, dem es aufgrund seines Bewusstseins klar ist, dass er auch ein Einzelwesen ist. Das bringt selbstverständlich enorme Ambivalenz mit sich.
Alle anderen Ängste werden auf diese Urangst aufgepfropft. Aber durch Manipulation! Sie werden anerzogen und trainiert.

Vielleicht muss man dort beginnen, was allen lebendigen Vorkommnissen zugrunde liegt, egal ob Lebewesen oder Pflanzen. Sie alle haben Sinn. Den Sinn, sich in ein Ganzes einzubringen und es auf diese Art und Weise weiter zu entwickeln. Deshalb gibt es auch einen natürlichen Kreislauf mit natürlichen Feinden. Weil ein Vogel z.B. Insekten frisst.
Doch die Insekten haben keine Angst. Und auch die Vögel nicht, die ja wieder andere natürliche Feinde haben.
Tiere, das sieht man oft, entwickeln Ängste, wenn sie aus ihrem natürlichen Lebensraum, und vor allem aus ihren Lebensstrukturen herausgeholt werden. Wenn sie Ungekanntes erleben müssen. Dann kann auch ein Vogel Angst zeigen. Oder ein Hund … Beispiele gäbe es hier ganz viele, aber das würde hier nun alles zu sehr verbreitern. Ich schreibe das nur, damit man nicht glaubt, ich stelle einfach ein von mir so festgesetztes Statement in den Raum.

Unter diesen Aspekten können wir erkennen, Herdenwesen empfinden es als selbstverständlich, dass ihre Herde ihnen Schutz bietet. Wie der Mensch weiß, gibt es wohl keine Sicherheit dadurch, es können auch ganze Herden vernichtet werden, aber sie haben keine Angst, die ihnen aus der Herde erwächst.
Dort gibt es Hierarchien und natürliche Abläufe, die daraus entstehen, doch Herdenwesen können nicht darüber „nachdenken“ und willkürlich aus diesen Strukturen ausbrechen. Sie handeln intuitiv richtig, wie es für ihre Art wesentlich ist. Und haben bestimmte Instinkte, die sie bei Gefahren warnen.
Schafe z.B. haben keine Angst, wenn sie sich in der Herde bewegen können. Ein Schaf bekommt vermutlich erst Angst, wenn es sich als allein empfindet.

Dies ist also die eine Grundlage des Menschen. Das Herdenwesen. Ein Mensch allein ist gar nichts. Ergibt keinen Sinn. Er braucht die Herde, um existieren und sich weiterentwickeln zu können. Und etwas Weiterführendes in das Ganze (des Universums – oder ich persönlich nenne es doch auch gerne die Schöpfung) einbringen zu können.
Und – der Mensch hat keine natürlichen Feinde!

Aber zum Unterschied von anderen Herdenwesen hat der Mensch ein Bewusstsein, das ihm Willkür bietet.
Er erkennt, denkt nach und will verändern. Zu seinen Gunsten.
Und das wollen über 7 Milliarden Einzelwesen.
Anderen Herdenwesen ist diese Willkür nicht gegeben.

Deshalb bietet die Herde dem Menschen keinen Schutz, sondern vielmehr geht Gefahr von ihr aus. Weil es keine gewachsenen Hierarchien gibt, sondern machtvoll angestrebte.

Eigentlich scheint nun alles klar.
Das Herdenwesen Mensch sucht unbewusst und unwillkürlich Schutz in der Herde. Durch Bewusstseinsmissbrauch kann aber willkürlich diese Schutzsuche ausgenützt werden, um zu manipulieren.

© evelyne w.

 

nachtrag:
ich muss einen begriff erläutern:
„natürliche feinde“. unter natürlichen feinden verstehe ich (und nicht nur ich 😉 ) jene, die für ihre natürlichen bedürfnisse andere lebenwesen töten, z.b. essen.
vögel also fressen insekten. katzen fressen vögel, usw.
das ist ein zahnradprinzip, das für die erhaltung der welt erforderlich ist.

wenn ein tiger einen menschen frisst, dann ist er „nur“ stärker.
er ist einfach ein fleischfresser.

deshalb gilt der mensch für mich z.b. als natürlicher feind der nutztiere. weil er ein fleisch- und pflanzenfresser ist. und wie sollte er sonst zu fleisch kommen?
oder wenn in früheren zeiten menschen tieren das fell abgezogen haben, um sich zu wärmen, oder auch heute noch, wenn irgendwo die not so groß ist, dann ist das „natürlich“.
aber wenn jemand aus lust und laune tiere quält oder tötet, oder um sich damit zu schmücken, dann fällt das keineswegs in diese kategorie! dann ist er ein echter feind, kein natürlicher.

 

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Kommentare
  1. finbarsgift sagt:

    schön geschrieben!

    angst ist LEBENSNOTWENDIG
    und SCHÜTZT ganz enorm!

    ist angst allerdings verkommen
    zur Lebensform…

    dann muss man sie verjagen!

    • evelyne w. sagt:

      lieber lu, danke!

      ich seh das ein bisschen anders.
      angst ist eigentlich kein schutz, sondern eher herausforderung und aufforderung … um gefährlichkeiten zu erkennen und abzuwehren würden auch intuition und instinkt genügen (wie ja bei den tieren).
      aber es ist ja auch erst teil I. ich komme da sicher noch darauf zurück 😉

      auf jeden fall schön, dass du wieder einmal hier warst (ich weiß, ich weiß, ich selber bin derzeit so säumig. aber die zeit … die zeit … komm so gar nicht auf die blogrunde :-()

      allerherzlichsten gruß
      lintschi

      • finbarsgift sagt:

        liebe Lintschi,
        ich denke nicht, dass du das anders siehst, denn das ist allgemein gültiges Gedankengut, schliesslich haben wir NUR so überhaupt überlebt —
        OHNE ANGST
        KEINE MENSCHHEIT!

        nur…was die moderne Gesellschaft daraus gemacht hat,
        DAS IST DAS PROBLEM!
        das Problem ist nicht unsere (berechtigte) Angst vor der Gesellschaft…

        sei lieb gegrüßt
        vom lu

      • evelyne w. sagt:

        lieber lu,

        prinzipiell gebe ich dir recht.
        aber bei mir bezieht sich diese aussage eben nur auf einen punkt:

        ohne herde könnte der mensch nicht überleben, deshalb ist die von mir bezeichnete UR-angst zum überleben notwendig.
        doch die ängste, wie sie üblicherweise herangezogen werden, sind keineswegs dafür notwendig.

        aber das kommt erst im 4. teil, wie ich das wort „angst“ besetze, um auch wirklich nur angst damit zu meinen.

        beim zweiten teil bin ich wieder bei ganz dir.
        das problem, was die menschheit daraus gemacht hat, ist eigentlich auslöser für diese artikelserie. es geht mir um manipulation über angst.

        dass der mensch (berechtigte) angst vor seiner herde haben muss. ist natürlich eine spezialität. denn das gibt’s sonst auch nicht. auf der einen seite bietet sie ihm natürlichen schutz, auf der anderen seite ist durch die mögliche willkür zum handeln jeder einzelne ein potentieller feind. und oft sind die menschen ja feinde ihres eigenen selbsts …

        auch ich grüße dich lieb
        lintschi

        ps: im übrigen ist es ja nicht nur die moderne gesellschaft … die menschheit als solche war sich immer schon selbser feind …

  2. statt Realangst las ich zuerst Riesenangst…
    Sie sitzt innen und wird gefüttert. Das stimmt natürlich, doch das Füttern geschieht meist unbewußt, hängt oft mit unserer Urangst zusammen.
    Ein Beispiel von mir selbst:
    Ich habe keine Flugangst – wirklich nicht,
    aber wenn dieser Riesenvogel sich vom Boden erhebt, so schwer wie er ist, meinen gewohnten Lebensraum verläßt, dann habe ich Angst, ich traue ihm nicht, diesem Dings, das mir den Himel öffnen will und mir im Innern aber sagt, ich verlasse mein Element, denn ich bin ein erdenschweres Wesen… Ist er endlich da oben, lasse ich ihn gewähren, ergebe mich in mein Schicksal *lächel*

    Also würde ich Ludwig zustimmen und sagen, sie ist auch ein Schutz, dem ich mich hier aber entziehe, weil ich in diesem Falle der mir unbekannten Technik vertrauen muß.

    Herden z.B. meide ich, weil ich mich mehr wie dieses Einzelwesen fühle. Empfinde in einer vielköpfigen Herde Beklemmung, keine Beruhigung, dabei bin ich doch ein Herdenwesen, liebe Lintschi.
    Natürlich gibt es Herden unterschiedlicher Art, es gibt ganz kleine Herden, z.B. die Familien oder die PaarGemeinsamkeit, würdest Du sie als Herde akzeptieren?
    Dann wäre ich vielleicht doch geeignet, um in einer dieser so sehr unterschiedlichen Herden keine Angst zu empfinden. Die Herde nimmt Dir die Angst, wenn Du Dich geborgen fühlst und geborgen fühlst Du Dich dort, wo Du aufgefangen wirst…

    Ich warte gespannt auf Deine Fortsetzung. Tolle Gedanken bringst Du ein und mich zum Nachdenken.

    • evelyne w. sagt:

      liebe bruni,

      weißt du, es geht bei der herde um „die menschheit“. wir können uns der menschheit nicht entziehen.
      SIE ist unsere herde und wir sind ein untrennbarer bestandteil von ihr.
      wir brauchen sie, weil wir als einzelwesen keine existenzmöglichkeit haben.
      natürlich klingt das wie eine philosophische ansicht, aber das ist es nicht allein.
      wir haben die grundstrukturen von herdenwesen, erleben uns aber auf bewusster ebene als getrennt.
      und können dieses abgetrenntsein auch selber noch steigern und fördern.
      das ändert aber unsere grundlage nicht.

      die geborgenheit der herde ist beim menschen nicht gegeben, das habe ich geschrieben.
      dennoch sucht der mensch die herde. will sich irgendwo eingemeinden, weil er als einzelwesen unermesslicher und unerträglicher angst ausgesetzt wäre und ist. weil da wäre er ja absolut schutzlos.
      deshalb versucht der mensch, auf bewusster ebene eine entsprechende herde auszuwählen. aber dort beginnts. dort ist der schlupfwinkel für manipulation …

      dein beispiel von der flugangst ist nicht so gut, weil wir im umgang mit technik nicht mehr auf intuition oder instinkt zurückgreifen können. da überspielt sich der mensch schon selbst …

      ich freue mich sehr, dass du „dabei“ bist, liebe bruni.
      ihr spornt mich immer an.
      danke dafür
      und gute-nacht-gruß
      lintschi

  3. Bei diesem ängstlichen Gefühl, das mich befällt, wenn der „Vogel“ sich mit mir in den HImmel erhebt, müßte mir mein Instinkt, aufgrund langjähriger Erfahrung, doch eigentlich inzwischen sagen, he, du, das funktioniert, dieses Abheben, denn nur das ist es ja eigentlich, das Abheben vom gewohnten Element, aber der Instinkt funktioniert hier tatsächlich nicht. Instinkt und seine Schwester, das Bauchgefühl halten sich bedeckt, lassen mich da alleine mit meiner Urangst.

    Du meinst also mit der Herde die Menschheit an sich. Dann stimme ich Dir natürlich zu und gestehe auch, wäre ich alleine und der letzte Mensch auf der Erde, würde ich verzweifelt nach anderen Menschenwesen suchen, ganz egal, ob sie vorher in einem Hühnerzuchtverein waren oder nicht… *grins*

    Liebe Grüße am Feiertag von Bruni

    • evelyne w. sagt:

      nein, liebe bruni,

      instinkte kann man nicht verändern.
      man kann sie nur überlagern – was in unserer gesellschaft passiert. es gibt nicht viele menschen, die auf ihre instinkte achten. bei uns ist alles andere als „sicherer“ angegeben.
      oder man kann sie fördern, seine sinne dafür schärfen.

      was du da hast, ist also sehr wohl angst. real-angst! eine angst, die sich vor eine psychische angst schiebt.

      die psychischen ängste aber, zu denen kommen wir erst 😉

      und mit der herde ist nun eh alles klar. das hast du nämlich sehr gut beschrieben. genauso läuft das.
      stell dir nur vor, wieviel angst ein solcher mensch haben müsste … unerträgliche angst!

      auch dir einen guten feiertag!
      lintschi

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