Das künstlerische Grauen
 
Also frage ich mich: Was wollen Autoren, die Geschichten, Romane oder Drehbücher schreiben, in denen Brutalität und Grauen im Mittelpunkt stehen? Was wollen Künstler, die solche Filme drehen?

Eine Antwort könnte sein: Sie wollen unterhalten!
Eine weitere: Sie wollen etwas aufzeigen (Nur weil es schon Diskussionen hier gab: für mich ist „aufzeigen“ etwas anderes als „aufrütteln“. Ist eine persönliche Wortwahl, aber ich möchte es gerne unterschieden wissen)
Eine dritte: Sie wollen zu Entlastung beitragen. Zu ihrer eigenen und auch zu der Anderer.

Und ja, da bin ich voll auf der Seite dieser Kunstschaffenden.
Leider ist der Mensch so angelegt, dass er höchst dunkle Seiten in sich trägt. Mit denen er nur umzugehen lernen kann, wenn er sich mit ihnen konfrontiert. Wenn er Möglichkeiten findet, diese auf eine Art und Weise zu entlasten, dass niemand dabei zu Schaden kommt. Also er selbst nicht und auch kein Anderer. Jede Therapie zielt darauf ab. Jedes Märchen soll diesem Effekt dienen.
Ich finde deshalb auch nicht, dass solche Werke an sich zur Gewalt aufrufen. Oder Indizien für den „bösen“ Charakter des Autors sind.

Aber es muss klar sein, dass es sich um ein Werk handelt! Auch wenn reale Szenen beschrieben werden. Dass es Geschichten, Gedichte, Bücher, Filme sind … in denen etwas dargestellt wird.

Wenn sich diese Autoren allerdings als Aufrüttler des Universums damit selber darstellen und deshalb darin Botschaften unterbringen, die dazu aufrufen, Andere zu verfolgen, egal aus welch immer gearteten Gründen, sie als Freiwild anzusehen oder zu Tode zu hetzen, dann hört sich für mich der unterhaltende Lernprozess schlagartig auf.

Nun könnte man glauben, dass dies eh auch logisch ist und dass dies doch jeder sofort durchschaut.
Aber dem ist leider absolut nicht so.
Wie habe ich schon geschrieben: die Angst vor dem Bösen lässt die Menschen das Böse nicht erkennen!

In der Darstellung von Gewalt gibt es viele Schlupfwinkel für Manipulierer.
Weil es eben eine große Kunst ist, Gewalt zur Unterhaltung und für Lernzwecke richtig aufzubereiten. Und es aber viel mehr kleine selbstgerechte Möchtegern-Schreiberlinge gibt als Autoren großer künstlerischer Unterhaltung.

Das erkennt man oft erst dann, wenn Autoren in dieser Form zu ihren Werken Stellung nehmen.
Deshalb ist es wichtig, auf Indizien zu achten, um sich selbst die richtige Meinung bilden zu können, was man von einem Werk zu halten hat.

Und deshalb ist die Antwort „sie wollen aufrütteln“ immer mit großer Vorsicht zu behandeln.
Denn man kann auf diese Art nicht aufrütteln, wie im vorigen Kapitel bereits beschrieben.
Man kann nicht einmal aufzeigen.
Da gibt es nichts Neues dran und wenn jemand die Morde der Naziherrschaft leugnen will, dann leugnet er sie nach dem x-millionsten Schreckensfoto immer noch.
Und wenn jemand die Schreie der Nachbarkinder nicht hören will, dann hört er sie nach dem noch so detaillierten Bericht einer Vergewaltigung, mit anschließendem Aufruf zur Täterhatz, auch nicht.

Deshalb erkennt man an dieser Antwort sofort die Überheblichkeit dieser selbsternannten Elite-Denker, die sich als die Einzigen ansehen, die sich mit solchen Situationen auseinandersetzen und den Durchblick haben.

Doch man kann noch etwas erkennen, wenn man aufmerksam bleibt.

Ich spezialisiere mich nun auf das Holocaust-Thema, es steht allerdings hier für alle Bereiche der Gewaltanwendung. Lässt sich aber daran am besten transparent machen.

Wer in eine Gedenkausstellung geht, und dort die Bilder und Dokumente des Grauens anschaut, der zeigt sich zunächst fassungslos. Und denkt und sagt: Wie konnten „Menschen“ nur so etwas tun. Oder: So etwas darf nie wieder passieren.
Doch dann geht er hinaus und fordert seine Mitmenschen auf, diese Täter nicht nur zu suchen und ihrer Bestrafung zuzuführen, die Gesellschaft also vor ihnen zu beschützen, sondern sie zu jagen, sie zu malträtieren, sie zu foltern, sie zu erschlagen, weil alles andere viel zu human für sie ist. Und um diese Forderung zu untermauern, verwendet er immer wieder Bilder der Opfer.

Wieder muss ich fragen:
Wie unterscheiden sich diese Menschen nun von den damaligen Tätern?
Wenn sie mit einseitiger Propaganda Feindbilder schaffen und die Gemeinschaft dazu auffordern, diese brutalst zu behandeln und zu ermorden. Am besten mit kurzem Prozess. Oder ohne, weil eh alles klar ist.

Das Einzige, das sie unterscheidet ist, dass sie Schreibtischtäter sind, und sicher zu feig , selber Hand anzulegen. Sondern von ihrem Schreibtisch aus die Mittel der Verhetzung und Aufhussung wählen.
Aber – wie lange? Doch sicher nur so lange, bis sie eine Mehrheit zusammengerottet haben, die ihre Ansinnen unterstützt.
Dann legen sie auch in der Realität (wieder) los.

© evelyne w.

 

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Kommentare
  1. Zwei Dinge nehme ich hieraus mit, liebe Lintschi, ja – ich oute mich als Krimi-Leserin, ich liebe Krimis – aber eben nur in der Welt der Literatur – als Fiktion. Und das hat durchaus seine Berechtigung, wie ich finde, und wie du ja auch schreibst. Klar gibt es die „dunkle Seite“, das lässt sich wohl kaum leugnen; die Frage ist eben, wie wir damit umgehen.

    Das andere ist dies: Du sagst, auch wenn man zum xten Mal solch ein Foto sieht, auch wenn man zum xten Mal von einer Vergewaltigung hört – wer wegsehen und leugnen will, der tut das so oder so, dessen bin auch ich mir ziemlich sicher. Außerdem besteht die Gefahr der Abstumpfung.

    Ich denke, wie du, dass andere Wege zum Aufrütteln oder auch Aufklären gefunden werden müssen, um wirklich und nachhaltig etwas zu bewirken!

    Wieder mit Interesse gelesen!

    Liebe Grüße
    Diana

    • evelyne w. sagt:

      liebe diana,

      du verstehst mich total. das tut mir sehr gut!

      ich lese selber gern krimis.
      aber ich muss gestehen, bei brutalen filmen steige ich aus.
      das will ich mir nicht anschauen. und ich verdränge absolut nichts dadurch!

      aber ich weiß z.b. damals bei der „verblendung“, glaub ich hieß der film, wo diese vergewaltigungsszene drinnen war und dann aber auch die rache der frau sehr deutlich gezeigt wurde.

      auch ich konnte mich nicht entziehen, zu denken – ja, das verdient dieses achwein!

      und ich bin mit sicherheit ein äußerst friedfertiger mensch. aber es wurde in mir etwas „aufgerüttelt“. aber wie man sich denken kann, stehe ich dem total anders gegenüber.
      ich sehe, dass in mir wut und hass aufgerüttelt wurden.

      denn dass ich mich mit solchen tätern nicht identifiziere, da brauche ich kein gezeigtes feindbild dafür! und dass es solche täter gibt, ist mir leider nur zu sehr bewusst.

      du verstehst sicher, was ich meine.
      selbstverständlich gehe ich damit dann auf meine art und weise damit um.
      ich lasse die wut zu und versuche sie in bereiche zu kanalisieren, wo sie niemandem schaden.
      wie gesagt – mir nicht und auch anderen nicht. niemandem!

      denn eines weiß ich genau, würde ICH einen täter töten, könnte ich mit MIR niemals mehr frieden machen! und mit mir muss ich bis ans ende meiner tage weiterleben.

      mich fordert so etwas dazu auf, in der realität immer genauer hinzusehen, was mir gezeigt wird. mich nicht einlullen zu lassen. um eventuell VORHER eingreifen zu können,

      aber das ist doch etwas anderes, als dass ich mich nun mit racheengeln verbünde. und sei es auch nur gedanklich.
      ich möchte solche gedanken gar nicht haben!
      und lasse sie deshalb zwar zu, versuche aber sofort sie in friedlichen aktivismus umzuwandeln.
      und nicht in rächenden aktivismus!

      und darum geht es mir!

      noch einmald anke und
      wieder sonnengrüße von hier
      deine lintschi

      • ja, lintschi, du schreibst:

        „aber ich muss gestehen, bei brutalen filmen steige ich aus.
        das will ich mir nicht anschauen. und ich verdränge absolut nichts dadurch!“

        dito!
        brutales mag ich mir auch nicht ansehen, und ich tu es auch nicht.

        und ja, diese rachegedanken, klar, gibt es situationen, in denen man diese hat – und zu recht hat!
        aber auch ich finde, dass es wenig sinnvoll ist, in rächenden aktivismus zu verfallen – sondern eben ganz anders anzusetzen – nämlich beim friedensgedanken.

        in diesem sinne, dir auch noch mal liebe (friedliche :)) grüße, gewürzt mit sonne und schnee (sehr „aprilig“ hier heut!)

        deine diana

      • evelyne w. sagt:

        rache …
        wie ich schrieb, der mensch hat solche seiten.
        und ein friedfertiger mensch wie ich, für den ist es schon auch gut, wenn er manchmal von einem künstler(!) an seine wut gekitzelt wird.
        denn dort kann ich ja lernen, mit ihr umzugehen.
        dort kann ich sie hinterfragen, kann meinen ängsten auf die spur kommen, die ja wohl die größten auslöser für wut und hass sind.
        wenn ich nur verdränge (wozu ich wahrlich sowas von absolut nicht neige, aber gesetzt den fall …) dann kann ich mir ja auch vorgaukeln, dass ich ein friedlicher mensch bin … und wenn dann meine ängste zuschlagen, schlage auch ich zu.

        im grunde genommen mache ich hier gerade nichts anderes. denn meine betroffenheit hat sich ja im ersten augenblick ebenfalls als wut, wenn auch nicht als hass! gezeigt. aber der ärger war schon enorm in mir.

        zuerst habe ich versucht, aufzuklären. als dies nicht ging, sich sogar gegen mich wandte, musste ich entscheiden.
        ich entschied mich dazu, die vorwürfe zu hinterfragen.
        jene, die ich vorbringe, aber auch jene, die mir gemacht wurden.
        und ich entschied mich weiter, keine persönliche attacke zu reiten. keine anprangerung vorzunehmen, sondern mir selber in meiner betroffenheit beizustehen, die im augenblick ihres auftretens ordentliche ängste in vielerlei richtung mit sich brachte.

        und dass dieser weg der wesentlich aufwändigere ist, als sich nun ein paar leute zu suchen, um mit ihnen auf eine person hinzuhacken, ist wohl auch ein faktum.
        und dass durch hackerei ja nur fronten gebildet würden, denn der anhang des kontrahenten bliebe ja auch nicht stumm oder tatenlos.

        doch wie ich schon in meinem flossenbürg-bericht schrieb (ich wiederhole mich dauernd, aber ich hab halt nur eine einstellung zum leben) – wenn man nur einen erreicht und ihn zur umkehr, zum umdenken veranlassen kann, dann ist schon viel erreicht.
        wenn das jeder von sich sagen könnte, sähe unsere welt schon lange anders aus.

        es wird also hier mit sicherheit nicht zur hatz auf die schreibtischtäter aufgerufen und schon gar nicht welche persönlich genannt, sondern ich möchte die sicht der leser schärfen, dass sie solche besser durchschauen.
        denn dann … verlieren die schreibtischtäter ihre macht. von ganz allein …

        und genau dies ist das friedliche prinzip.
        wie heißt es so schön: wo gäbe es krieg, wenn keiner hinginge?
        und noch deutlicher: wenn sich die masse nicht dazu manipulieren ließe.

        die paar bösen diktatoren könnten dann eine untergrundband gründen, und sich ihre bösen parolen gegenseitig vorsingen, aber sonst nix.

        noch ein täubchen zu dir auf die reise!
        lintschi

  2. safranrot sagt:

    sehr interessant , Eurem Meinungsaustausch zu folgen ….. werde mich weiter „einlesen“ Ursa

  3. ja, liebe lintschi, klar bewegt dich eine gewisse wut dazu, dieses zu schreiben. aber das ist ja ein „gutes“ kanalisieren deiner wut, denke ich. und wütend sein – ist erlaubt! 😉 man muss nur mit der wut umzugehen wissen.

    weißt du, einfach draufzuhacken – und dann womöglich noch zu mehreren – ist viel einfacher, als sich und das ganze mal zu hinterfragen, oder weiter zu denken. denn das perfide ist ja, dass dieses beantworten von gewalt mit gewalt letztlich zu nichts führt, außer wieder hass und gewalt zu schüren. teufelskreis eben …

    (der gedanke des humanismus kommt mir da noch in den sinn …)

    ich empfinde diese deine texte hier keineswegs als hatz, sondern als ein „aufmerksam-machen“, sensibilisieren für das, was einem so vorgesetzt wird – – wie ja wohl auch von dir intendiert. (und vielleicht ja auch als kleinen denkanstoß für die „schreibtischtäter“ selbst??!!)

    ja, dieser spruch von carl sandburg geistert mir auch schon die ganze zeit im kopf rum:

    „stell dir vor, es ist krieg, und keiner geht hin“!

    schön wärs!

    herzliche grüße zu dir,

    diana

    • evelyne w. sagt:

      genau!
      wenn gewalt mit gewalt beantwortet wird, KANN einfach nichts anderes daraus entstehen.
      jeder versuch, etwas anders zu machen, bietet zumindest die möglichkeit! und es erscheint mir sowas von unlogisch, dass die menschen das nicht erkennen.

      und dabei – müsste man das negative eigentlich „nur“ an sich selbst verhungern lassen!

      ah! ich hab den ausspruch vom krieg irgendwie anders zitiert. aber es passte doch auch gut 😉

      gute nacht!

  4. Fini sagt:

    Beim gestrigen Posting bin ich leider abgestürzt.:-(
    Zitat von Lintschi:wenn gewalt mit gewalt beantwortet wird, KANN einfach nichts anderes daraus entstehen.
    jeder versuch, etwas anders zu machen, bietet zumindest die möglichkeit! und es erscheint mir sowas von unlogisch, dass die menschen das nicht erkennen.
    Ja Lintschi. Es ist nicht nur unlogisch, sondern zutiefst erschütternd, dass die Menschen das heute (mit so viel Wissen/Bildung, dass man heute hat) noch immer nicht umdenken.
    Zitat: und dabei – müsste man das negative eigentlich “nur” an sich selbst verhungern lassen!
    Genau. Es würde funktionieren, aber manche Menschen wollen oder können das immer noch nicht erkennen.
    Übrigens bekenne ich mich auch als „Krimileserin“ und sehe mir auch gerne Krimis im TV an und dann ergeht es mir wie bei diana. Wenn es mir zu arg wird, steige ich aus. Dann widme ich mich etwas positiven, um meine Gedanken wieder in Ruhe zu bekommen.
    Zitat von Lintschi:
    im grunde genommen mache ich hier gerade nichts anderes. denn meine betroffenheit hat sich ja im ersten augenblick ebenfalls als wut, wenn auch nicht als hass! gezeigt. aber der ärger war schon enorm in mir.
    Liebe Lintschi!
    Ich kenne einiges aus Deiner Schreibwerkstatt und ich kenne Dich auch in real. Ich kenne Dich nur als friedvollen, äußerst liebenswerten und hilfsbereiten Menschen, der das Leben liebt und diese Lebenslust mit jedem teilt. Eine Lebenslust, die stets mit positiven Gedanken aufgefüllt ist und auch diese gibst Du gerne weiter. Im realen Leben, wie auch auf Deinen Seiten im www.
    Jeder, der Dich persönlich kennt, weiß das und stimmt mir gewiss zu. Dass auch Dich manchmal Ärger bzw. Betroffenheit erfasst, die sich vorerst kurzfristig in Wut verwandelt, ist auch nur menschlich. Wie Du damit umgehst, davon könnten Menschen lernen.
    Es würde gewiss friedlicher sein auf unserer Welt.
    In diesem Sinne
    herzliche Grüße aus dem tief verschneiten Ländle
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      danke liebe fini,
      du bist auch jemand, der nichts böses in die welt trägt.
      und dies obwohl du schon so viel schweres miterleben musstest.
      das hat dich nicht verbittert und du weist immer noch niemandem schuld dafür zu!
      und ich danke dir sehr für deine loyalität!

      hierher ist auch der winter zurück gekehrt.
      und es soll noch mehr kommen … was für dich, gell

      liebe grüße
      lintschi

  5. Fini sagt:

    Zitat von Lintschi: das hat dich nicht verbittert und du weist immer noch niemandem schuld dafür zu!
    Nein Lintschi, denn da würde ich mir ja selbst im Weg stehen. Ich bin in der Tat in Frieden mit jenen, die mir wehgetan haben und das fühlt sich gut an.
    Wenn ich manchmal etwas hadere, dann klicke ich Deine Seite an. Deine Seite ist eine Kraftquelle. Man spürt die positive Lebenseinstellung und dann kehre ich rasch wieder da hin, wo der Mensch sich befinden soll, nämlich in Frieden mit sich selbst und natürlich auch mit der Umwelt. Im Leben wird einem nichts geschenkt, aber man kann selbst sehr viel dazu beitragen, um das Leben täglich als Geschenk zu betrachten. Ich bin dankbar dafür, dass ich so bin, wie ich bin (natürlich war das auch ein Lernprozess) und ich bin noch dankbarer dafür, dass es Menschen gibt, die mit ihrer positiven Lebenseinstellung den eigenen Lebensweg darin bestärken. Auch da erlebe ich es deutlich
    Ursache und Wirkung. Auch mir gelingt es gar, manche Mitmenschen in meinem Umfeld davon zu überzeugen
    und es fühlt sich einfach gut an, mit sich und der Umwelt in Frieden zu sein. Ich bin der Meinung, jeder Mensch ist in der Lage, das zu lernen.
    Hier schneit es in malerisch große Schneeflocken, aber mich hat der Virus erwischt und ich hüte brav das Bett. Wie gut, dass mein Sohnemann dieses kleine Netbook hat.:-)
    Alles Liebe
    Fini

  6. Liebe Evelyne, liebe Schreiber/innen

    Kommen Kinder als Krieger oder Pazifisten in diese Welt? Wahrscheinlich werden sie das, was man aus ihnen macht. So gesehen sind, zumindest in ihrer Entwicklungsphase, ihre Bezugspersonen und Mitmenschen für ihr Schicksal verantwortlich – wobei die geschichtliche Zeit auch eine sehr große Rolle für die Bezugspersonen und die Mitmenschen selbst spielt.
    Nun lehrt die Geschichte, dass es immer Kämpfe zwischen Bösen und Guten (oder selbsternannten Guten) gab.
    Nur – bei allem Pazifismus (zu dem ich mich selbst bekenne) – Kriegsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger gehören vor Gerichte (freie Gerichte) die in der Lage sind, sehr wohl zwischen Rache und Strafe zu unterscheiden.
    Ein wirklich demokratischer Staat ist im Grunde eine Gemeinschaft von Pazifisten die (Entschuldigung für das Wort) verteidigt werden MUSS. Man schützt sich gegen Kriege, Mörder, Vergewaltiger…
    In diedem Sinne machte ich auch eine Stahlskulptur, mit Namen „Strafrecht!?“, die auf http://www.leerraeume.de oder http://www.hermann-skulpturen.de zu sehen ist. Selbst fand ich, wie so oft, keine beschreibenden Worte dafür, bin aber Jan Lindner sehr dankbar, dass er mir seinen Limerick „Der Täter“ dafür „auslieh“.
    Wir machen uns Gedanken über Gut und Böse, Rache und Güte. Wo sind die Grenzen? Was liegt dazwischen? Können wir das selbst entscheiden? Ich denke jeder kann es nur, unter Verarbeitung seiner eigenen „Geschichte“, versuchen.

    Herzliche Grüße,
    Michael

    • evelyne w. sagt:

      lieber michael, das sehe ich ganz genauso!
      ich plädiere mit sicherheit nicht dafür, dass mörder, vergewaltiger oder sonstige täter straffrei bleiben sollen!

      wie ich schrieb: die gesellschaft muss beschützt werden.
      ich glaube nur auch, dass der staat da oft versagt. wenn z.b. brutale vergewaltiger nach kurzer zeit mit fußfesseln entlassen werden.
      da „wundert“ es mich nicht, dass die volksseele kocht.
      doch das müsste meiner meinung nach dazu führen, andere gesetze zu fordern und nicht zur lynchjustiz aufzurufen.

      wie du schreibst: der springende punkt ist der unterschied zwischen strafe und rache!
      verteidigung ist ja wohl auch etwas ganz anderes als aktive rachefeldzüge, auch wenn sie auf dem papier sind.

      verteidigung muss auch nicht immer gewaltvoll sein!
      aufklärung und prävention sind wohl die effektivsten mittel, um zu schützen.

      wie man sieht, hat die angst vor einer strafe noch keinen täter davon abgehalten, seine tat zu vollbringen. also hier exempel statuieren zu wollen, sind so sinnlos wie ein eiterpickel auf der nase.
      oder zu glauben, man kann die täter einfach „ausrotten“ … zeugt doch mit sicherheit nicht von überlegenem verstand.

      und ich glaube schon, dass man grenzen zwischen gut und böse ziehen kann. selbstverständlich ist es so, dass das gute das böse bedingt, um sich überhaupt darstellen zu können.
      aber ist es nicht das bessere prinzip, das böse zu sehen, um das gute darzustellen?
      als das böse zu sehen, um das böse darzustellen?

      in diesem sinne sollte man die masse zu aufklärung und prävention hinführen wollen und nicht zur gewalt auffordern, um gewalt zu „verhindern“.

      persönliche info: ich hab deinem kommentar den skulpturtitel hinzugefügt und den link ergänzt.
      und wieso ich deinen kommentar diesmal erst genehmigen musste, weiß ich nicht …

      lg evelyn

  7. Liebe Evelyne,

    „…das bessere prinzip, das böse zu sehen, um das gute darzustellen?“
    Afganistan, Irak, ganz Nordafrika, Naher Osten, unerwähnte – weil für uns stategisch unwichtige – Länder der Welt… Bringe ich unseren „Eigennutzgedanken“ ins Spiel, habe ich Riesenprobleme Gutes von Bösem – oder andersrum – zu unterscheiden.
    Aber dieses Thema ausdiskutieren zu können? Nein – ich glaube das geht nicht.

    Liebe Grüße,
    Michael

    • evelyne w. sagt:

      lieber michael,

      deine einwände kann ich gut nachvollziehen.
      aber eigentlich sind genau das die argumente der schreibtischtäter:
      bei soviel gewalt und scheiße kann man doch nicht das gute sehen …

      ausdiskutieren kann man das sicher nie, da hast du auch recht,
      aber ich sehe schon andere möglichkeiten für den einzelnen
      um sich nicht an dieser hatz zu beteiligen.
      und eine ist z.b. sehr wohl die diskussion.

      ich habe eine freundin, die lebt in ägypten. was die darüber erzählt, was derzeit dort abläuft und was aber über die medien in die welt kommt, da sind echt welten dazwischen! und alles einseitig …
      sie schreibt mir immer – wenn du das oder das (über ihren wohnort) liest, erschrick nicht. es ist alles in ordnung bei mir.

      oder müsste es aus diesen regionen nicht auch anderes zu berichten geben?
      wenn gar nix anderes, dann doch z.b. von den hilfsorganisationen?
      nein, hilfsorganisationen werden immer nur erwähnt, wenn sie spenden einfahren sollen. und womit werben sie dann? mit den „bösen“ bildern.

      das ist das gängige, aber mit sicherheit nicht das beste prinzip!

      mit diesem wust an negativen meldungen und eindringlichen notbildern erreicht man lediglich drei effekte:
      man füttert die voyeure
      man stumpft die masse damit ab
      und hält sie über angst bei der stange

      ich persönlich bin jemand, der auf allgemeine spendenaufrufe allergisch reagiert.
      aber ich habe persönliche projekte um die ich mich kümmere. und wie man sich vorstellen kann, wirklich damit auseinandersetze und nicht einfach eibne geldgießkanne aus schlechtem gewissen öffne. oder um nur ja mich nicht ängstigen zu müssen, wenn ich darüber nachdenke.
      wenn ich von diesen in meinem umfeld berichte, dann kann ich leichter etwas bewirken, als wenn ich fotos von ausgemergelten kindern propagiere(!)

      wenn man über die hilfestellungen, über ihre wirkung, über die menschen, die sich darüber gedanken machen, und welche … so viel berichten würde, wie über das grauen, dann sähe wohl auch schon lang alles ganz anders aus.

      aber da geht man davon aus, das müsste eh jeder von selber wissen. aber wie, wenn die propagandamaschinen in eine andere richtung laufen, wenn unser gedankengut in eine andere richtung trainiert wird?

      es ist ja leider überhaupt ein gängiges modell, dass nur das negative berichtenswert scheint. das positive wird als romantisch und kitschig eingestuft. das kommt nicht von ungefähr!
      weil menschen so einfach leichter manipuliert werden können. weil es sie genau auf ihren ängsten trifft …

      ich habe vor vielen jahren schon ein kleines textlein geschrieben:

      Es gibt eine Kreativität des Glücks
      Doch wirkt sie immer flach und banal
      Wenn man sie dem Ausdruck
      der Kreatitivät der Not
      gegenüber stellt

      und deshalb können sich die schreiber der grausamkeit auch in diesem ausmaß das mäntelchen der „klugen“ umhängen …

      ich schicke ebenfalls liebe grüße zu dir
      evelyn

      • Ja, Du hast Recht, liebe Evelyne – nicht alles kann schlecht sein, nur weil über Gutes nicht berichtet wird.
        Nur – die politische Lage ist schon verwirrend. Man kann nur hoffen, dass alles gut wird, was angeblich schlecht war.
        Und den dortigen Menschen wünschen, dass unsere Medien wirklich masslos übertreiben.

        LG,
        Michael

      • evelyne w. sagt:

        natürlich brennt es in nordafrika!
        aber das arge daran ist ja, dass nicht NUR maßlos übertrieben wird, sondern dass jede situation in ein ganz bestimmtes töpfchen geworfen wird.
        so hat sie z.b. von einer familienfehde berichtet (einer wirklich großen, brutalen), die aber dafür verwendet wurde, um anti-islam propaganda in den westen zu spülen. dabei waren die kontrahenten nicht einmal muslime!

        klar, wir können die politischen lagen von uns aus hier nicht einschätzen, und auch die meldungen nicht einzeln überprüfen.
        aber frieden beginnt im kopf des einzelnen. also dort, wo er sich nicht einfach mitziehen lässt.

        nur noch einmal, um nur ja keine missverständnisse aufkommen zu lassen: ich bin nicht gegen information! aber in meinem sinne sollte sie zur aufklärung verwendet werden und nicht zur verhetzung!

        schneegrüße von hier
        evelyn

  8. Liebe Lintschi,
    wie viel ich unterschreiben möchte, von dem was Du geschrieben hast.
    Es ist ein sehr schwieriges Thema.
    Ich denke über Sätze nach. „Sie tragen nicht zur Vermehrung des Guten bei“ oder „Elite-Denker“.
    Wie furchtbar unsachlich ich bin. Aber in Deinen Worten steckt viel Wahrheit
    Danke.
    Deine Mademoiselle

    • evelyne w. sagt:

      liebe mademoiselle,

      erstmal eine umarmung. so schön, dass du dich hier wieder einfindest und auch zu diesem thema stellung nimmst!

      ja, es ist ein schwieriges thema. und es wäre noch viel dazu zu sagen. vielleicht auch bessere erklärungen (manchmal auch für meine eigenen begriffe 😉 ) oder noch mehr beispiele zu geben und auch die lösungsansätze besser herauszuarbeiten. aber ich glaube, dass die länge dieser 5 texte für den leser eh schon an der grenze sind, um bis zum ende durchzuhalten.

      die „elite“-denker sind sarkastisch gemeint – bevor du dich womöglich daran unnötig zu reiben beginnst … für MICH gibt es keine elitedenker, aber diese herrschaften sehen sich gern so.

      und du bist sicher nicht unsachlich. du hast nur eine andere art, dich auszudrücken. künstlerischer …

      einen schönen sonntag wünsche ich dir
      und sende liebe grüße
      deine lintschi

  9. Ilona Pagel sagt:

    liebe Lintschi
    „Wenn sich diese Autoren allerdings als Aufrüttler des Universums damit selber darstellen und deshalb darin Botschaften unterbringen, die dazu aufrufen, Andere zu verfolgen, egal aus welch immer gearteten Gründen, sie als Freiwild anzusehen oder zu Tode zu hetzen, dann hört sich für mich der unterhaltende Lernprozess schlagartig auf.

    Nun könnte man glauben, dass dies eh auch logisch ist und dass dies doch jeder sofort durchschaut.
    Aber dem ist leider absolut nicht so.
    Wie habe ich schon geschrieben: die Angst vor dem Bösen lässt die Menschen das Böse nicht erkennen!“
    Ich allerdings glaube es gibt nicht nur den einen Grund. Und ich unterstelle mal es gibt genügend Menschen die den Gedanken hinter solchen Botschaften schon verstehen. Aber was nicht sein darf, wird ausgeblendet. Sich gegen solche Botschaften zu stellen kostet Mut und Kraft, und im engen Kreis von Autoren manchmal auch Freundschaften.
    Da die Welt der Autoren gerade heute so klein geworden ist durch das Internet versuchen viele sich durch die Strategie der Nichteinmischung raus zu halten. Doch da gibt es für mich einen Knackpunkt.
    Wenn ich zu solchen Botschaften schweige fühle ich mich mitschuldig, mitschuldig an der Verbreitung der Gewalt.
    Ich sehe dann immer einen Menschen vor mir, den jemanden am Boden liegenden brutalst misshandelt, auf offener Straße. Tausende Menschen schauen zu auf der Straße, hinter ihren Gardinen der Wohnung. Aber niemand schreitet ein, holt Hilfe, fordert andere auf dagegen an zu gehen. Dieser Misshandelte erlebt nicht nur die Brutalität des einen Täters. Er erlebt genauso die Brutalität des Zuschauens oder des Wegschauens.

    herzlich zu Dir
    Ilona

    • evelyne w. sagt:

      ja, ja,
      da hast du mich vielleicht ein bisschen missverstanden.
      schweigen … das soll man sicher dazu nicht!
      ich schrieb ja, man muss sich positionieren. man muss sich zu erkennen geben, damit die gleichgesinnten einander finden können.
      das tu ich ja auch, wie man sieht …

      es ist auch noch ein unterschied, ob jemand direkt oder persönlich angegriffen wird. dann ist es eine frage der zivilcourage, ob man sich einmischt oder nicht. dem opfer direkt zu hilfe eilt.
      ich muss gestehen, dass ich auch vollstes verständnis habe, wenn jemand nicht eingreift. so hart das klingt.
      aber wie ich schon schrieb, im auftritt von angst und panik kann niemand sich selbst überlisten. und niemand kann diesen ersten stein werfen …

      nur nachher zu verniedlichen oder gar den schulterschluss zum gegner zu suchen, um sich reinzuwaschen, DAS ist für mich das größte verhängnis. man muss auch zu seiner angst stehen können.

      ich kenne viel leute, die sich nicht positionieren wollen. die auch mich vor solchen veröffentlichungen warnen. weil – man weiß ja nicht, was noch kommt. und dann steh meine meinung unrückholbar hier. und ein böser machthaber könnte mich dafür verhaften und töten lassen.

      aber wie das motto meines letzten teils lautet:
      der beste widerstand ist der widerstand der gedanken.

      wenn man sein gedankengut – meinetwegen auch stillschweigend – schärft, dann geht man im falle von solchen aufrufen ja einfach nicht hin!
      und dann erledigt sich soweiso alles von selbst …

      meine einstellung geht dahin:
      ich muss in „guten“ zeiten meine einstellung festigen. damit mich in „bösen“ zeiten nicht meine eigene grausamkeit überholt.
      muss mich beizeiten meinen ängsten stellen, damit sie mir nicht eine fußangel stellen, wenn sie unerwartet auftreten.

      aber es ist immer noch ein unterschied zwischen einem menschen, der aus angst schweigt, zu einem, der aus angst andere aufhetzt.
      es ist ein unterschied, ob jemand aufgrund eigener verdrängung – täubchen in die welt schickt, oder aus verdrängung hass in die welt spuckt.

      denn schweiger und friedliche verdränger bringen nicht zusätzlich böses in die welt!

      wenn aber dauernd das böse proklamiert und hergezeigt wird, dann ist es nichts anderes als propaganda für das böse und vermehrt sich schon allein dadurch.

      wieder danke und wieder ganz herzliche grüße
      lintschi

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