Am Mittwoch lief bei uns im Fernsehen „Die Auslöschung“, mit Klaus Maria Brandauer.
Also einmal sogar für mich Fernseh-Pflichttermin.
Da ich mich seinerzeit über sein Statement ausgelassen habe, wollte ich nun natürlich auch den Film sehen. Und von der Thematik her fällt er sowieso in mein Interessensgebiet.

Nun ja, was soll ich sagen?
Nicht schlecht. Ist schon das höchste der Gefühle, das ich sagen kann.

Ernst Lemden, ein brillanter Kunsthistoriker und Denker verliebt sich in die wesentlich jüngere Judith.
Große Liebe, doch nach kurzer Zeit bekommt Ernst die Diagnose: Alzheimer.
Judiths Liebe wird ihn durch diese Krankheit begleiten.
Eine an sich schöne Liebesgeschichte. Und in einigen Szenen auch wirklich sehr berührend.

Jedoch –
Die Geschichte erschien mir viel zu geschönt. Nicht nur von Status, Umfeld und Ambiente her.
Die „Auslöschung“ des Prof. Lemden wurde im Zeitraffer dargestellt, was ja wohl auch nicht anders möglich ist. Aber dadurch entstand eine Verharmlosung des Alltags. Vieles wurde für den Zuschauer gar nicht erkennbar, vor allem nicht für einen, der mit diesen Situationen nicht selber konfrontiert ist. Beispielsweise die Zermürbung durch den täglichen Kampf. Der Verfall der körperlichen Funktionen wurde total ausgespart.
Ich denke, als Autor und guter Regisseur hätte man da Mittel und Wege finden können, dies einzubeziehen.

Auch weiß ich nicht genau, ob nicht unglücklich geschnitten wurde, weil Manches, wie das Ausbleiben der Besuche der Kinder, nicht aus der Geschichte erwuchs, sondern man es lediglich nachher vermuten konnte, dass die Tochter ab irgendeinem Zeitpunkt gar nicht mehr kam. Und der Sohn halt irgendwann einmal auftauchte. Und nicht klar wurde, ob der Vater ihn nun noch erkannte oder nicht. Dass er in mit Sie ansprach, erschien mir als Indiz zu wenig, weil der an sich großartig spielende Brandauer, gerade in dieser Szene eher verschmitzte Züge zeigte. Er könnte mit dem Sohn also auch ein Spiel gespielt haben (wie wir alle, die mit Dementen zu haben, wissen, dass dies sehr leicht möglich ist).
Gut, vielleicht wollte in dieser Szene genau das erreicht werden, also die Perspektive auf die Situation des Sohnes gelenkt werden, der das sicher auch nicht wusste.

Aber dennoch fehlte mir persönlich dieser Wegfall der Familie, ihre Statements, warum sie nicht kommen, die man in der Realität so oft hört. Ihre eigenen Kämpfe.
Eine Schauspielerin, wie Birgit Minichmayr lediglich darauf zu reduzieren, dass sie einmal einen Satz sagt, in der Art: Ich komme gar nicht mehr gern … Ihr keine Möglichkeiten zu geben, die Tiefen ihres inneren Konflikts zu zeigen …
Sie war mit Sicherheit unter Wert verkauft. Und auch hier glaube ich, dass der Schnitt dafür verantwortlich ist. Denn dass sich Birgit Minichmayr für so eine blasse Rolle hergegeben hätte, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Die Rolle der Judith (Martina Gedeck) wiederum ist für mich viel zu „liebevoll“. Ich meine, die Frau zeigt ein Herz wie ein Bergwerk. Die Liebe ist ihre Antriebskraft und das ist gut. Aber als liebende Begleiterin eines solchen Partners ist man nicht nur immer milde lächelnd und über den Dingen schwebend unterwegs.
Da kämpft man mit Vielem!

Judith zeigt nur zweimal wirklich tiefe seelische Problematiken auf. Das erschien mir vollkommen unrealistisch. Und auch Martina Gedeck wurde deshalb für mich weit unter ihrem Wert eingesetzt. Denn dass diese es drauf hätte, diese Abgründe darzustellen, daran besteht für mich kein Zweifel.

Brandauer. No ja, wie eingangs erwähnt: Nicht schlecht. Er kann schon was, das ist klar.
Aber vielleicht hätte ich damals sein Statement nicht lesen sollen, denn nun verkörperte er für mich: Brandauer!

Nun möchte ich noch auf das Ende des Filmes eingehen. Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich die Spannung bewahren möchte, der sollte also hier aufhören weiterzulesen.

Die Tötung auf Verlangen.
Dass ich als Liebesforscherin nicht dafür bin, ist klar.
Und gerade in diesem Film kam das für mich so stark heraus, was ich selber im Umgang mit der Demenz immer wieder erlebe.
Die Projektion der eigenen Ängste auf diesen Zustand.
Hier wurde ein Mensch (auf seinen eigenen Wunsch) getötet, der so lange er noch „denken“ konnte, keinen Sinn in seinem Leben sah, wenn er einmal nicht mehr denken konnte.
Und diese Tötung von einem Anderen forderte!

Aber man sah, dass Ernst bis zuletzt Gefühle hatte. Sich an Einigem erfreuen konnte. An den Besuchen bei den Tieren, dass er Freude empfand im Umgang mit Judith (auch wenn er sie schon lange Anna nannte). Der alte Sprüche aufsagte und selbstverständlich auch manchmal unglücklich war.
Aber war Brandauer, äh-hm Ernst Lemden, denn früher auch immer nur glücklich in seinem Leben? Und hat er sich deshalb jedes Mal umgebracht oder von jemandem gar gefordert, ihn umzubringen, wenn er grad nicht glücklich war?

Judith war an sich nicht dazu bereit. Sie liebte Ernst und hätte wohl auch ein anderes Ende mit ihm getragen. Der Zwiespalt, als sie doch umkehrte, war auch so eine Szene, die für mich viel zu platt daher kam. Zu kurz und der Kampf war nicht wirklich erkennbar.
Judith hat ihren Ernst nicht deshalb getötet, weil sie seinen Anblick, den Umgang mit ihm nicht mehr ertragen hat (das war nicht ihre Projektion!), sondern weil sie glaubte, ihm damit einen Liebesdienst zu erweisen.
Doch dieser Glauben ist mit Sicherheit ein Aberglauben!
Ein liebevoller Mensch wie Judith kann in seinem Leben wohl über die Begleitung des Leidens und den Tod eines geliebten Menschen hinwegkommen, aber niemals über eine Tötung!
Und deshalb finde ich es immer höchst anmaßend von einem Menschen, von einem Anderen diesen „Liebes“dienst zu fordern!

Und auch dies wurde Frau Gedeck nicht gestattet, hier zu zeigen.

Wie man sieht, von der propagierten Großartigkeit war dieser Film für mich weit entfernt. Und von Realität auch.
Schade um die vertane Chance, denn mit solchen Schauspielern wäre sicher Besseres möglich gewesen.

© evelyne w.

 

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Kommentare
  1. Fini sagt:

    Liebste Lintschi. Ich habe den Film gesehen und ich kann Dich im jeden Satz nur bestätigen. Für jemanden, der nie mit der Thematik zu tun gehabt hat, mag es ein verklärter Einblick gewesen sein, aber für jemanden, der sich damit schon realistisch auseinander setzen hat müssen, der hat den Film nur schwer ausgehalten „meine Meinung nur“, gell. Mag sie ungerecht sein. Ich habe mich über mich selbst geärgert, dass ich bis zum Ende ausgeharrt habe.;-)
    Er erinnert jedoch an einen Film, wo es auch über eine Krankheit geht, die grundsätzlich das Leben in jeder Hinsicht beeinträchtigt, aber in diesem Film regelrecht verniedlicht worden ist. Gerade so, als wolle man der vollen, wahren Problematik keinen Platz in unserer „geblendeten Welt“ einräumen.
    Liebe Grüße
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      danke fini!

      also steh ich eh nicht allein da mit meiner meinung.

      es war sicher ein sehr schöner und auch berührender liebesfilm!
      aber das thema hätte halt auch das potential beinhaltet, wieder eine lanze zu brechen FÜR die demenzkranken …
      dieser ging eigentlich auch wieder GEGEN sie.

      schönes wochenende dir!
      ich kann sonne vom neusiedlersee mitschicken

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