Gedanken über das Sterben

Veröffentlicht: 22. Januar 2013 in Die Wichtigkeit des Seins, Philosophische Gedanken
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Der Tod ist ein Freund. Ein Freund der Liebe.
Einem Toten kann man reine Liebe schenken.

Im Leben wird die Liebe abgelenkt von Körperlichkeiten, von Stimmungen, die Kommunikation verlangt den Ausdruck der Liebe.

Nach dem Tod des geliebten Menschen bleibt nur die Nähe. Das reine Geben dessen, was man in sich findet. Das reine Nehmen dessen, was der Andere geben konnte und es dadurch noch immer kann.

Die Trauer bezieht sich auf den Verlust des realen Bezugs.
Menschen kann man nicht besitzen, also kann man sie auch nicht verlieren.
Auch die Liebe kann man nicht besitzen, also kann man auch sie nicht verlieren.

Traurigkeit ist ein warmes Gefühl, das Verbindung herstellt, zu dem, weshalb man traurig ist. Tränen spülen die Seele.
Die Traurigkeit bezieht sich meistens auf die Erinnerung an schöne Zeiten, glückliche Erlebnisse. Und das ist gut und das ist richtig. Und so soll es bleiben. Wenn man diese Traurigkeit annimmt, dann wandelt sie sich langsam und von allein in unüberschattete Liebe, die von Äußerlichkeiten nicht abhängig ist. Die Erinnerungen werden wieder glückhaft empfunden und stellen wieder Nähe her.

Manchmal bezieht sich der Verlustschmerz auf die Unwiederbringlichkeit der Möglichkeit, Verständigung herzustellen. Aber auch hier ist dieser Verlust im vorangegangen Leben angesiedelt und nicht der Tod ist dafür verantwortlich zu machen. Wer seine Belange rechtzeitig klärt, dem wird auch hier kein Verlust erwachsen.

Der Umgang mit einem Demenzkranken ist eine gute Vorbereitung auf den Weggang.
Langsam kommt man auf die Spur, wo es nur Hinwendung zu dem Anderen gibt.
Weil er nur mehr sich selbst zurückgeben kann.
Der Verlust findet gemächlich statt, hinterlässt deshalb keine schmerzende Lücke.

Wer ohne den Anderen nicht leben zu können glaubt, der wünscht sich das sicher nicht mehr, wenn er erkennen muss, wie das Leben des Geliebten immer beschwerlicher wird und keine Hoffnung auf Besserung besteht.
Man kann zwar lange Zeit dennoch viel Qualität in der Gemeinsamkeit finden, aber wenn nur mehr das Leiden das Leben des Anderen bestimmt, kann man als Liebender diese Egozentrik nicht aufrecht erhalten.
Die Linderung und Akzeptanz stehen dann wohl im Vordergrund, doch die Wünsche können einfach nicht in die Richtung Verlängerung der Anwesenheit auf der Erde liegen, die dem eigenen Besitzanspruch entsprechen würden.

Interessant sind für mich auch die Erkenntnisse, wie Menschen mit dem Sterben umgehen.
Die meisten besetzen das Sterben des Anderen mit der eigenen Angst.
Die Hinwendung zum Anderen würde diese Angst aufheben. Aber bei Vielen ist die Angst zu groß.
Was kein Vorwurf ist! Sondern eine Erkenntnis.

Aussprüche wie „Ich gehe nicht hin, weil ich will ihn/sie so in Erinnerung behalten, wie …“ oder „Es hat ja keinen Sinn, er/sie kriegt ja nix mehr mit“, tun mir persönlich in der Seele weh.

Einen geliebten Menschen begleiten zu können, ist eine große Gnade. Die vieles von allein relativiert. Man sieht die Veränderung gar nicht, weil die liebende Schau sich auf anderes konzentriert. Man verlangt von dem Sterbenden nicht, dass er aussieht, wie man ihn erträgt. Man trägt mit ihm.
Und kann deshalb den Wunsch nach Erlösung aus aufrichtigem Herzen wünschen und nicht als Floskel in den Raum stellen, die einen selber noch ängstlicher macht.
Entspricht sie doch nur dem Wunsch, selber von dem Leiden erlöst zu werden, den Anblick des Anderen ertragen zu müssen.

Viele Menschen sagen, so oder so möchte ich nicht sterben, das ist menschenunwürdig. Diese Menschen können nicht erkennen, dass auch ein leidvolles Sterben zum persönlichen Weg gehört, der in die Akzeptanz einerseits des eigenen Lebens, wie auch andererseits des eines Anderen, fallen muss, und dass gerade der Mensch dafür ausgerüstet ist, damit liebevoll umzugehen.
Das ist absolut menschenwürdig!
Dieser Ausspruch wird einzig davon genährt, dass die große Einsamkeit die eigentliche Angst ist und sie streuen deshalb Floskeln, die sie selber beruhigen sollen. Es aber niemals können.
Denn in Wahrheit haben sie Angst vor dem, wie sie mit Sterben umgehen und fürchten sich davor, dass es ihnen genauso ergehen wird, sie bestenfalls in die Obhut pflegerischer Betreuung abgeschoben werden. Doch diese große Einsamkeit kommt daher, dass sie selber sie nicht überwinden können. Aber bereits im Leben, nicht erst im Sterben.

Manchmal trifft es mich auf dem falschen Fuß, wenn ich meinen Weg der Begleitung durch Krankheit, Demenz oder Sterben gehe und mir dann von Jemandem, der an der Tür stehen bleibt und sich dort in Tränen auflöst und wieder davonrennt, sagen lassen muss:
„Ich bewundere dich. Ich kann das nicht. Ich hab da zuviel Gefühl dafür, bin nicht so hart wie du …“

Aber nur manchmal, meistens bin ich glücklich, dass ich es anders gelernt habe. Gelernt habe, das Selbstmitleid so gut als möglich aus meinem Leben auszuschalten und es wirklich nur darauf zu reduzieren, wo es auch tatsächlich mich betrifft.
Und Trauer annehmen zu können, wie sie auch Trost gibt.

© evelyne w.

 

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Kommentare
  1. liebe lintschi, deine gedanken hierzu sind sehr interessant, traurig/schön – und tröstlich.
    der text regt zum weiter- und nachdenken an, danke.
    herzlich,
    diana

    • evelyne w. sagt:

      liebe diana,

      genau deshalb habe ich ihn geschrieben, bzw. gepostet.
      weil ich denke, er könnte möglichkeiten bieten, umdenken zu lernen, um sich während des lebens auf wichtige bereiche zu konzentrieren. dadurch angst zu verlieren, trost zu erfahren, wo er auch wirklich zu erfahren ist.

      ich glaube man kann gut erkennen, dass ich ihn nicht veröffentlicht habe, weil ICH etwas damit verarbeiten muss …

      ich weiß aus erfahrung, meine ganze liebes-einstellung ist so vielen menschen fremd und doch hat sie mir, vor jahrzehnten nun schon, gesundheit gebracht und eine wesentlich bessere lebensqualität. seither versuche ich, darüber zu schreiben, um vielleicht doch auch dem einen oder anderen eine perspektive aufzuzeigen, die auch sein leben verändern könnte …

      nachdenken, um das gefühl einzuschalten, das kann viel bringen.
      nachdenken, um sich nicht zu spüren ist leider das gängigere modell .

      schönen abend! lieben gruß
      deine lintschi

  2. Traveller sagt:

    Danke für diese Gedanken, die gerade auch für mich passen.
    Du weißt …

    Lieben Gruß
    Uta

    • evelyne w. sagt:

      umarmung für dich …
      natürlich gibt es auch noch andere facetten. das ist klar.
      und dieser denkansatz ist wirklich ein reiner DENKansatz, der halt zu meinem liebes-phänomenologie-forschen gehört.

      aber – wie sich gezeigt hat – auch in der realität dann sehr hilfreich war,

      aber selbstverständlich, bei plötzlichen oderverlusten oder von jüngeren menschen, oder im direkten umfeld lebenden, da gibts schon viel mehr schmerzanforderungen. aber auch sie hängen letztendlich eben am „verlust“ und nicht an der liebe …

      ganz viel liebes zu dir!
      deine litnschi

  3. Anna-Lena sagt:

    Deine Gedanken beeindrucken mich sehr, liebe Lintschi, aber ich tue mich schwer mit dem Thema, immer wieder aufs Neue.

    Nachdenkliche Grüße
    Anna-Lena

    • evelyne w. sagt:

      das versteh ich sehr gut, liebe anna-lena

      aus den vorgenannten gründen.
      deshalb bin ich ja so froh, dass ich eine andere perspektive mir im laufe der jahre erarbeitet habe, und auch, dass ich sie dann umsetzen kann, wenn es wirklich nötig ist.
      denn das ist ja noch lange nicht gesagt, wenn man den gedankengängen zustimmen kann. auch das gefühl nachziehen zu können…

      aber es geht auch nicht von jetzt auf jetzt. ich habe echt jahrzehnte lang daran „gearbeitet“.
      wobei nur die umkehr schwierig war. dann geht ja vieles dynamisch.

      und man lernt solche gedanken nicht über den tod. sondern über das tägliche leben.
      wo man verlustängste aufspürt, ängste …

      danke, dass du trotz deines schwerfallens gelesen und geantwortet hast.

      es wird bald wieder andere texte hier geben. versprochen …

      alles liebe für dich!
      lintschi

  4. da man keine Menschen besitzen kann,
    kann man sie auch nicht verlieren – wenn sie sterben.
    Es klingt einfach, doch die eigenen Ängste auszuschalten ist sowieso schon schwer, also erleben wir sie unentwegt, wenn jemand sterbenskrank wird, den man sehr liebt und nie mehr missen möchte.
    Auch wenn wir uns mit dem Thema schwertun, machen wir uns immer wieder viele Gedanken um dieses heikle Sterbenmüssen, weil wir eben endlich sind und nicht unsterblich.

    Du hast die Kraft, lange sterbene Menschen zu begleiten. Es kann nicht jeder. Ich tue es auch nicht.
    2009 starb ein lieber Freund von mir, der als Krebspatient sterbende Mitbetroffene begleitete. Er machte es, solange er die Kraft dazu hatte. Manchmal schrieb er mitten in der Nacht eine SMS u., teilte mit, daß er nun gleich abgeholt würde mit einem Auto. Er selbst hatte schon lange keines mehr. Er konnte den anderen helfen und sie ihm. Er war nicht ganz 50 Jahre alt, als er dann auch starb.
    Ja, liebe Lintschi, ein Thema, dem ich mich gerne entziehe und doch holt es mich immer wieder ein und ich fürchte es. Nicht meinen eigenen Tod fürchte ich, nur den von mir sehr lieben Menschen

    Nachdenkliche Grüße von Bruni

    l

    • evelyne w. sagt:

      liebe bruni,
      ich geb dir voll und ganz recht.

      es ist kein vorwurf in mir, wenn jemand mit seinen ängsten oder dem verlustschmerz anders umgeht als ich. er muss es ja auch selber leiden …

      und es ist ja auch keineswegs so, dass ich nicht ebenfalls verlustängste habe, wenn es um meine lieben geht, um mein umfeld …
      es macht auch sicher einen unterschied, ob ein alter oder schwerkranker durch den tod erlöst wird oder einem womöglich ein kind von der seite gerissen wird.
      auch wenn es die gleichen prinzipien sind, wird der schmerz doch unterschiedlich sein.
      aber er wird immer verlustschmerz und/oder eigene angst sein. die uns immer von der liebe trennen.
      dieser schnmerz hat also nichts mit der liebe zu tun …

      wenn wir das durchschauen, können wir ganz anders damit umgehen. bleiben wir nicht hilflos ausgeliefert. finden wir möglichkeiten, die liebe wieder zu finden, usw.

      mir hilft es immer ungemein, auseinanderzuklauben. was ist was.

      zu erkennen, wo gebe ich mich nicht einfach irgendeiner massenphilosophie hin, sondern sinn und zweck von leben und tod zu erfahren.
      das nimmt MIR dann angst!
      z.b. sinn im sterbeweg zu erkennen. oder zu erkennen, dass sich die verluste schon viel früher abspielen, nicht erst mit dem tod.
      dass man oft defizite hat, die man schon früher decken kann und dann diese verluste nicht als solche erleiden muss, weil man selber etwas geben kann und einem deshalb nichts genommen wird. usw.

      wenn man das alles immer verdrängt, kommt man an diese tröstenden erkenntnisse nicht und bleibt einzig der angst ausgeliefert …

      deshalb teile ich meine gedanken dann gerne mit anderen. weil es doch immer wieder gelingt, jemandem eine perspektive zu geben, die ihm weiterhilft. für das leben!

      ich danke dir herzlich für deinen beitrag und schicke dir ganz liebe grüße
      lintschi

  5. finbarsgift sagt:

    ein lebenslanges thema, sterben und tod…
    es ist erst dann kein ernstes thema mehr,
    wenn wir es hinter uns gebracht haben,
    das sterben und den tod,
    und wir sonstwo dann weilen,
    auf jeden fall nicht mehr eilen,
    und alles dann ist wieder im lot…

  6. evelyne w. sagt:

    ein lebenslanges thema. toll auf den punkt gebracht!
    und es ist gut, dass der tod kein tabuthema mehr wie früher ist.

    danke und lg

  7. Fini sagt:

    Zitat von Lintschi: z.b. sinn im sterbeweg zu erkennen. oder zu erkennen, dass sich die verluste schon viel früher abspielen, nicht erst mit dem tod.
    Das ist der Punkt. Da mich dieses Thema auch schon eine Weile in den Krallen hält, ich gestern das Leid wieder so hautnah miterlebt habe, ganze Nacht geheult, werde ich mir Deine Zeilen sehr zu Herzen nehmen. Ich danke Dir für diese Zeilen.
    Lg
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      ich glaube schon, dass es eine wichtige erkenntnis sein kann.
      will man denn einen menschen wirklich „behalten“, der schwer leidet.
      ist der verlust nicht schon dort passiert, wo das leiden in das leben, in die gemeinschaft gekommen ist?
      natürlich ändert sich die situation, und man kann es vielleicht nicht erkennen. man ist damit beschäftigt, mitzutragen. aber wenn das leiden immer stärker wird …
      was will man dann „behalten“? wirklich den menschen? kann man diesen wunsch aufrecht erhalten, wenn man erkennt, dass er längeres leiden für ihn bedeutet? kann sein tod dann wirklich verlust bedeuten?

      ich weiß aus eigener erfahrung, dass stunden, tage, wochen an einem kranken- oder sterbebett viel nähe bringen, große emotionale qualität. aber niemals käme es mir in den sinn, die verlängerung des leidens des anderen zu wünschen, umd iese erfahrung machen zu können.
      es muss auch wege geben, solche nähe mit anderen mitteln zu erreichen, z.b. mit der richtigen auseinandersetzung mit dem tod, der erlösung bringt …

      ich wünsche dir kraft, liebe fini
      und genug tränen, um deinen schmerz zu kühlen.

  8. Fini sagt:

    Danke Lintschi.
    Liebumarmt
    Fini

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