Von der Gefährlichkeit des Lesens – oder Die Kürzelleser

Veröffentlicht: 4. Juni 2012 in Writer's Life Diary
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Wie ich zuletzt schon schrieb, sehe ich es so, dass im Augenblick die E-Book-Leser noch eine eigene Klientel bilden. Im Augenblick noch, denn wie ich ebenfalls schrieb, die Entwicklung des Lesens nimmt Kurven, die wir bisher so nicht kannten.

Lesen wurde früher in den Schulen gelehrt und anschließend gefördert.
Das Image des Lesers hatte etwas Elitäres. Weil in den armen Familien weder Zeit, noch Geld und Platz für Bücher vorhanden war. Es hob den Bildungsstand und bot dadurch eine Verbesserungsmöglichkeit des eigenen Status. Man konnte sich mit Lernen (und Lesen) emporarbeiten.

Heute ist das anders. Heute gibt es einen breiten Wohlstands-Mittelstand, der sich nicht durch Bildung einen höheren Status verschaffen kann. Heute kann nahezu jeder so lange studieren, wie er nur mag – und muss dort aber gar nix lernen. Die neue Armut ist eine andere als früher. Sie betrifft nicht mehr die breite Masse, sondern bestimmte stigmatisierte Gruppen, in die die Menschen eher hineingeraten als dass sie ihnen von Geburt bestimmt sind.

Dieser Mittelstand sucht andere Wege, um elitär zu erscheinen. Er sucht die Annäherung an das werbemäßig vorgefertigte Ideal.
Lesen könnte da ein empfindlicher Störfaktor sein. Denn wer liest, der denkt, setzt Fantasie ein, nimmt sich Zeit für sich selbst. Auch wenn es Groschenromane sind, was er liest. Leser suchen sich ihre eigenen Ideale, die in der Welt angesiedelt sind, die sie lesen.

Wurde also früher in den Haushalten das Lesen oft nicht gefördert, weil die Menschen keine Zeit hatten, körperlich hart arbeiteten und sich Bücher nicht leisten konnten, so griff doch die Schule den Kindern und Jugendlichen unter die Lese-Arme.

Heute wird nicht einmal mehr richtig lesen gelehrt! Geschweige denn, ein Lesestoff inhaltlich oder sprachlich bearbeitet. Auch in die Schulen hat die Schnelllebigkeit und Schnellsprachigkeit des technisierten Konsumzeitalters Einzug gehalten.

Von Eltern und Kindern wird vorausgesetzt, dass sie einen Computer haben, ein Handy. Dort können sie von den Lehrern angeregte Lehrstoffe herunterladen. Die Kinder in meinem Umfeld schreiben Deutscharbeiten, wo sie von den Lehrern auf Google verwiesen werden, um zu recherchieren und ihre Arbeiten einfach in Zitaten schreiben dürfen.

Damit mich niemand falsch versteht, das ist kein Anwurf an die Lehrer. Diese können die Vorgaben ihres Ministeriums auch nicht wesentlich verändern. Müssen schauen, dass sie die von ihnen geforderte Leistung erbringen. Unsere Schulen sind der Spiegel unserer Gesellschaft!

Und hier sehe ich den Unsicherheitsfaktor für die Zukunft des Buches. Im Nachwuchs!
Der Instant-Infos aufnehmen will, in Kürzeln kommuniziert und für eine schöne und richtige (!) Sprache und ausgeklügelte Geschichten nur mehr ein müdes Lächeln übrig hat.
Dazu kommt, dass die Wirtschaft unsere Lebensgewohnheiten bestimmt. Wenn sich die Wirtschaftsbosse also entscheiden, das Printbuch abzudrehen, weil es zu wenig lukriert, dann kommt es weg. Da können die Leser mit den Augen strampfen wie sie wollen.

Die Gefahr einer solchen Entwicklung sehe ich absolut. Die Vorbereitung ist angelaufen. Es werden Strukturen geschaffen, die dem Vermarkter große Gewinne bringen. Und NUR dem Vermarkter. Pflegeleicht und selbstlaufend, wenn die Ebenen einmal richtig angelegt sind.
Und die Printleser werden in eine Nische gedrängt. Im Augenblick gibt es noch welche, aber wie lange noch? Sie könnten sehr wohl eine vom Aussterben bedrohte Spezies sein.

Wir sehen ja in vielen Bereichen, dass der Qualität und Sinnlichkeit nicht mehr der höchste Stellenwert eingeräumt wird.
Die Leute essen Fastfood, statt geschmackvoller, inhaltsreicher Kost (die sie sich heute eigentlich leisten könnten – was ja nicht immer so war), Plastiktomaten anstatt satter roter Paradeiser, und sollte es Herrn Google gelingen, einen Ernährungsweg per Computer zu finden, hätte sich sogar das erledigt.

Denn eines ist gewiss, es geht um Technologiekonsum. Wir alle müssen an die Maschinen angeschlossen werden, von denen wir glauben, dass sie uns am Leben erhalten. Am Puls der Zeit, am Nabel der Welt, am Superhirn.

Und für diese Menschen muss es E-Books geben. In Milliarden Stückzahlen. Damit sie ihren Allerweltsarsch nur niemals von ihren Elektrodensteuerungen wegbeheben müssen.
Printbuchleser bedeuten dafür Gefahr.

< < < zum ersten Teil – „Von der Sinnlichkeit des Lesens“
„Von der Chance der Veröffentlicher“ – zum dritten Teil   > > >

 

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Kommentare
  1. fini sagt:

    Du schreibst mir von der Seele Lintschi. War nicht erst kürzlich eine Studie, welche belegt, dass Kinder der 4. Volksschulklassen des Lesens nur schwach bemächtigt sind?

    Einerseits arbeitet und forscht man daran, dass die Menschen immer älter werden und andererseits ist das Leben selbst so schnelllebig geworden, dass man die verlängerten Jahre nicht wirklich sinnvoll, aber vor allem nicht qualitätsvoll leben / nützen kann. Das drängt aber in gewisser Weise die Mittelschicht wieder in eine Form von Armut. Diese neue, moderne Armut mag sich jetzt noch nicht so sichtbar auswirken, aber erfühlen kann man sie bereits. Das ist nur meine bescheidene Meinung.
    Ich kann mich leider nicht so gut ausdrücken, oder es auf den Bildschirm bringen, was ich bei dieser Entwicklung fühle, aber Deine Zeilen sind ohnehin aussagekräftig.
    Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      es ist eine verzwickte angelegenheit. die leute studieren, studieren und studieren und haben dennoch keine bildung.
      und wenn man sich vordenkern ausliefert, dann könnte man aus der geschichte lernen, was da passiert.
      aber dafür müsste man – lesen … können …

      danke und lg
      lintschi

  2. Nichts ist doch vergleichbar mit dem Geräusch, das ein frisch erworbenes Buch macht, wenn man es zum ersten Mal aufschlägt. Dieses leise Knacken, dieses Ächzen, mit dem man in die neue Welt eindringt. Ich rieche bei neuen Büchern immer an den Seiten, der saubere, leicht scharfe Geruch nach Farbe ist mit nichts zu verleichen. Mein Bücher sind meine Freunde. Ich verleih sie nur an Menschen, die versprechen, sich die Hände zu waschen. Also vor dem Lesen. Ich liebe meine Bücher. Allesamt. Und das wird sich nie ändern.

    • evelyne w. sagt:

      liebe mademoiselle,

      man spürt die liebe zu den büchern aus deinen worten.
      und ich wünsche dir – und mir und uns – dass es doch noch lange zumindest die bücher gibt, die unsereins lesen mag.
      ich habe eine freundin, die hat mir heute geschrieben: und wenn es wirklich keine mehr geben sollte, dann lese ich einfach die, die ich habe, solange ich lebe.

      wir wollen hoffen, dass es so weit niemals kommen muss.

      ich freu mich sehr, dass du wieder einmal hier warst und grüße dich ganz herzlich
      lintschi

  3. Fabian sagt:

    Liebe Lintschi,

    als Student muss ich hierzu nun doch etwas kommentieren. Zunächst einmal sehe ich persönlich keinen großen Unterschied zwischen der Veröffentlichungsmasse von E-Books und den Books on Demand Büchern deren Qualität ebenso nicht selten mehr als zweifelhaft ist (das muss nicht inhaltlich sein, sondern betrifft auch die von Buchliebhabern so oft beschworene Haptik, die Rechtschreibung und das Design). Das ganze Zerfallsproblem liegt meiner Meinung nach also nicht an der, ich nenne es mal, Elektronifizierung der Buchstaben, sondern eher am Kuchen der gesamten Marktblase, von dem sich jeder ein Stück stibitzen will. Wäre man im Gerechtigkeitsdenken konsequent, wäre das ja an sich keine schlechte Sache.. aber das würde jetzt hier zu weit führen.

    Aber wenn wir das einmal nicht beachten, möchte ich doch etwas positives zur Verbindung von Studieren und E-Book sagen: Ich habe meine komplette Studienbibliothek immer bei mir, ich kann überall meine wissenschaftlichen Fachbücher studieren! Und das ist in einer Zeit des verfehlten Bologna-Prozesses und der Existenzerhaltung mit mehreren Jobs heutzutage ein Geschenk, denn in die Bibliothek schaffen es die meisten Studenten (zumindest die, die nicht aus dem Wohlstands-Mittelstand kommen) nicht mehr! Gelernt wird in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit und zurück, mit Hörbüchern und E-Books.
    Aus diesem Grunde schafft die elektronische Buchstaben-Entwicklung zumindest im wissenschaftlichen Sektor zumindest einen kleinen Ausgleich zur gesellschaftlichen Wohlstandsspaltung – vielleicht, vielleicht auch nicht!

    Abschließend will ich noch sagen, dass ich selbst ein Mittel-Wohlstands-Kind bin und auch keine E-Book-Autoren verabscheue, denn: Ich habe auch schon gute Belletristik im E-Format gelesen. Außerdem führt die wachsende Veröffentlichungsfreiheit dazu, dass nicht mehr nur 2% von Verlagsbüchern (großer Verlage) aus Manuskripteinsendungen und die restlichen 98% aufgrund von Vitamin B erwachsen (Wie mir eine Bekannte von Randomhouse sagte).
    Der Markt wird voller, oft schlechter, aber autonomer, denn wir dürfen (von können ist keine Rede) nun selbst filtern was gut und was schlecht ist.

    So, das war jetzt viel mehr als ich eigentlich schreiben wollte, dabei hab ich in meiner Konfusität auch bestimmt die Hälfte vergessen. Muss nun wieder weiterstudieren, damit ich irgendwann viel Geld verdiene, um kostenlose E-Books lesen zu können 😉

    Schöne Grüße
    Fabian

    P.S.: Ich glaube, dass es das Papierbuch immer geben wird und wenn nicht mehr aus Papier, dann (bei einem Buch von 256 Seiten) eben aus 256 Bildschirmen 🙂

    • evelyne w. sagt:

      hallo fabian,

      wie schön, dich hier zu lesen!

      nun ja, es gibt mit sicherheit einen großen unterschied zwischen ebookveröffentlichern und POD-büchern. denn für diese gab es erstens noch eine finanzielle barriere und zweitens auch eine kreative. man musste eine druckdatei erstellen, ein cover machen. und das hat teuer werden können. bei ebooks ist das nicht in dieser form nötig. da kannst alles irgendwie machen … und der großteil machts halt auch so …
      das zerfallsproblem, wie du sagst, sehe ich wie du, ebenfalls nicht am ebook. das ebook ist nur ein köder, um mögliche leser vom buch weg und an den pc oder das tablet zu holen und zu binden. da muss von einigen verdient werden. und autoren sind eitle geschöpfe, von denen kann man viel geld abcashen. konnten es bisher die dkzv, so macht das halt nun amazon oder die vielen seltsamen ebookvermarkter.
      aber man braucht ja im prinzip kein ebook. wofür? man kann jeden text auch so als pdf ins netz stellen, sich ein kostenloses tool holen, wo für den download bezahlt werden muss und wer braucht noch ein ebook?

      und dort liegt die gefahr! und diese hat herr amazon erkannt und möchte vorher noch rasch ordentlich verdienen. ich denke, hier wird gerade etwas vorbereitet. der markt wird GEMACHT. ich habe das mit den schallplatten hautnah erlebt, wie das geht. ich hatte ja 30 jahre ein tonträgerfachgeschäft. die leute hätten viel lieber länger schallplatten gehabt und wollen sie ja auch heute noch. aber die wurden abgedreht, weil die cd viel zu langsam anlief und der markt impulse brauchte.
      und das kann uns mit den büchern jederzeit ebenfalls passieren, weil eben das leseverhalten in den nachfolgenden generationen bereits ein ganz anderes ist.
      selbstverständlich sind nicht alle jungen leute nichtleser und nicht alle studenten lernen nix, aber dennoch ist ein strukturwandel da. und du bist schon eine andere generation als ich z.b. du bist mit diesen medien schon viel besser vertraut und kannst deshalb deren vorteile nutzen.
      aber das ist doch schon ein produkt. du bist doch schon dahingeführt. du bist doch schon ein kind dieses zeitalters.
      natürlich gibt es auch vorteile, und ich selbst sage ja für mich ebenfalls, dass ich meinen computer und meine internetkontakte sehr schätze. dass ich mir vieles dadurch erschließen konnte, das anders nicht in mein leben gekommen wäre. auch an wissen!

      das ändert aber alles nix daran, dass es einen strukturwandel gibt.
      und dass der eher vom buch wegführt, selbst wenn das printbuch nicht vom ebook abgelöst wird. das glaube ich nämlich auch nicht.

      und diese veröffentlichungsfreiheit, nun ja, der stehe ich auch viel kritischer gegenüber, als sie so gern propagiert wird. was hilft uns eigentlich diese veröffentlichungsfreiheit? sie bringt einen wust an veröffentlichungen, die ebenfalls wieder die gleichen kanäle durchlaufen müssen, um an den leser zu kommen, wie bisher. über vermarktung. ein ebook wo hochzuladen bringt seinem autor keinerlei chance auf irgendetwas.
      also muss vermarktet werden. und dafür wird wieder kassiert …
      mit gerechtigkeit hat das nix zu tun. nur mit umverteilung. aber an den autor wird nicht verteilt, das ist klar. der bleibt wieder nur werkzeug, mit dem verdient wird.
      und der leser? hats eigentlich nur schwerer dadurch. wie bei allem was es im überfluss gibt, fällt die entscheidung immer schwerer …

      aber ich sehe chancen für autoren, die aus dieser situation erwachsen. allerdings nicht im ebook, sondern ganz woanders. aber darüber will ich ja hier schreiben. bisher waren es nur „einleitungen“ *ggg*

      ich schicke ganz liebe grüße zu dir
      deine lintschi

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