Dementia-Poetry – Die Idee III. – Ergänzung

Veröffentlicht: 13. Februar 2012 in Allgemeines, Dementia-Poetry
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Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass einerseits so viele Wiederholungen in den Gedichten sind. Knapper wäre besser, meinen Viele. Andererseits sind die Geschichten so nett, aber da könnte man noch viel mehr hineinpacken.
Es „fehlt“ den Lesern so manches. Und meine Autorenkollegen hätten viele gute Ideen zur Ausschmückung.

Ich glaube, hier zeigt sich ein wesentlicher Punkt, warum so viele Menschen Probleme mit Demenzkranken haben. Weil sie immer von der eigenen Warte ausgehen.
Auch hier noch immer, obwohl ich versucht habe, mein Projekt und seine Zielgruppe so gut als möglich zu erklären.

Umso länger diese Geschichten dauern, umso mehr beschrieben wird, umso weniger können die Dementen folgen! Sie hören ja nicht zu, in diesem Sinn. Also die Geschichte, die erzählt wird, ist dabei unerheblich.
Es geht um Worte, Begriffe, die etwas in den Hörern auslösen. Aber eben immer nur vereinzelte Worte. Dieses Wort löst einen Ablauf in ihnen aus. Aber es nützt nix, einen Ablauf zu beschreiben. Sie haben ihre eigenen Abläufe dafür.
Das ist ja die Schwierigkeit dabei, Demente zu verstehen … wichtiger Bestandteil jedes Validationsprogramms.

Wie schon oft ganz deutlich geschrieben, ist es für mich sehr wichtig, dass Demenzkranke nicht wieder zu Kindern gemacht werden. Und gerade hier liegt ein wesentlicher Unterscheidungspunkt. Der für das Verständnis so unbedingt wichtig ist:

Kinder müssen erst lernen. Man kann ihnen etwas erzählen, das sie noch nicht kennen oder so noch nicht kennen, sie nehmen ihre Fantasie und bauen sich ein Filmchen. Umso mehr man erzählt, umso mehr können sie vielleicht dazu basteln. Sie lernen aus dem, was ihnen erzählt wird und aus ihrer Fantasie.

Bei Dementen gibt es keine Fantasie, sondern Erinnerung. Eigene Erinnerung!
Sie basteln keinen Film aus dem, was man ihnen erzählt, sondern aus dem was sie in sich finden.

Deshalb hat es keinen Sinn, ihnen Abläufe vorgeben zu wollen, Sie verwirren diese Menschen nur.

Begriffe müssen abgerufen und angesprochen werden und es muss ihnen Zeit gegeben werden, diese auch wirklich in sich zu finden und zuzuordnen. Umso mehr man darum baut, umso weniger können sie diese wichtigen Worte finden …

Es ist also kein Regress ins Kinderstadium, sondern eine Entwicklung, die aus ihren Lebenserinnerungen abgerufen wird! Selbst wenn sie sich vermehrt an ihre Kindheit erinnern, dann ist der Prozess aber ihrem Alter und ihrer Krankheit entsprechend und nicht dem Kinderstadium! Deshalb muss man mit diesen Menschen anders umgehen als mit Kindern, darf sie nicht zurückstufen, und dadurch herabwürdigen!

Und unter diesen Gesichtspunkten schreibe ich diese Texte.

Ich wiederhole, nicht weil mir nichts anderes einfällt und ich schmücke meine Geschichten auch nicht deshalb nicht aus, weil mir die Fantasie fehlt oder ich keinen größeren Wortschatz habe, sondern weil dies das Besondere an diesen Texten sein muss. Sonst könnte ich ja auch einfach nette Kurzgeschichten aus früheren Zeiten oder Kurzlyrik mit Erinnerungspotential verfassen.

Feedback zu diesen Texten ist ausdrücklich erwünscht! Und gerne auch Kritik! Aber bitte die vorgenannten Punkte dabei zu berücksichtigen, Kürzungen in den Gedichten oder Ausschmücken der Geschichten anzuregen, sind kein hilfreicher Kritikpunkt.

Danke!

 

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Kommentare
  1. Rachel sagt:

    Lintschi, Liebe,

    deine Erklärung ist so exakt beschrieben. Du hast Erfahrung mit
    solchen Menschen und weißt genau, wie und womit man ein wenig
    in sie dringen kann – hilfreich eben.
    Ich wünsche dir den besten Erfolg mit deinem Projekt.
    Und ich bin überzeugt, dass viele Demente ihren eigenen kleinen Lichtblick
    in deinen Texten finden.

    herzlichst, Edith

    • evelyne w. sagt:

      liebe edith,

      ich muss dir einmal ein wenig widersprechen. nein, ich habe keine erfahrung!
      es ist absolutes neuland für mich. ich habe mich nur in die situation eingearbeitet …

      natürlich habe ich auch persönliche erfahrungen mit dementen personen, aber wer hat das nicht?

      und wie ich schon seinerzeit geschrieben habe, ich möchte keine therapie anbieten, auch keinen therapieersatz!
      sondern ich möchte etwas für diese menschen anbieten, das allen weiterhilft. den kranken, den angehörigen, sonstigen interessierten und … mir! ich habe so viel gelernt in diesen wochen. dieses projekt ist so bereichernd. so bereichernd, dass ich all diesen menschen dankbar bin für die erfahrungen, die ich machen darf. vielleicht werden sie mir einmal helfen, wenn ich ihn entsprechende situationen komme.
      und selbstverständlich wäre es schön für mich, wenn ich an diese menschen etwas von dieser dankbarkeit abgeben könnte.

      herzlichen gruß zu dir
      lintschi

  2. Ich finde das wunderbar, was du machst, liebe Evelyne.
    Es ist sicher nicht einfach, sich in Demenzkranke hineinzuversetzen.
    Deine Erklärung hier finde ich sehr hilfreich, sie ein wenig zu verstehen.
    Mich erinnert es an meinen Vater, der inzwischen gestorben ist. Er hatte erst einen schweren Schlaganfall und später vasculäre Demenz. Es wurde irgendwann so schwer für mich, mich so auszudrücken, dass er den Sinn der Worte verstehen konnte. Oft blickte er mich an und ich sah, dass er das nicht verstanden hat. Und ich wusste manchmal gar nicht, wie ich ihm das verständlich machen sollte. Bilder waren für ihn auch leichter zu verstehen als Worte.
    Nein, da geht es wirklich nicht darum, dass diese Menschen wie Kinder etwas dazulernen können, ihre Fantasie anzuregen, sondern das zu finden, was noch da ist. Und Wiederholungen räumen ihnen vermutlich mehr Zeit ein, eine Erinnerung in ihnen zum Vorschein zu bringen.

    Herzliche Grüße,
    Martina

    • evelyne w. sagt:

      liebe martina,

      danke schön! ja, du verstehst das offensichtlich gut, was ich meine.
      schade, dass es auf persönlicher erfahrung beruht.
      aber ich merke auch, wie es mir persönlich hilft!
      ich bin an und für sich jemand, der ja versucht, immer wieder die perspektive zu verändern, vor allem, wenn ich selber mit etwas nicht so gut zurecht komme. dann gibt es sicher auch eine andere perspektive, die daran etwas erleuchtet, das ich aus meiner vorherigen nicht erkannt hätte.
      da gibt es ein tolles – und ganz einfaches – grafisches beispiel von viktor frankl zu diesem thema.

      natürlich ist es im umgang mit dementen besonders schwer, die perspektive auf ihre sicht einzustellen … aber es ist unglaublich befruchtend! eine gute übung fürs leben. und eine gute für die liebe. da kann man viel über liebe lernen. und wie man sieht, auch über selbstliebe. und ich als selbsternannte liebesforscherin bin da natürlich gern dabei.

      alles liebe dir!
      lintschi

  3. Traveller sagt:

    da ich nur eine sehr kleine persönliche Erfahrung mit dementen Menschen habe, ist dein Projekt für mich lehrreich und anregend
    danke für die Erläuterungen, denn den Denkfehler „mehr Ausschmückung“ hatte ich auch gemacht
    ich beginne langsam zu verstehen

    lieben Gruß
    Uta

    • evelyne w. sagt:

      weißt du liebe,
      das ist für mich ein schönes geschenk!
      umso länger ich an diesem projekt arbeite, umso besser verstehe ich.
      und wird es mir ein anliegen, nicht nur die dementen zu erreichen, sondern auch, die sinne der umwelt zu schärfen.
      und wenn mir das bei jemandem gelingt, ihn dafür zu sensibilisieren, dann ist das immer ein bonbon für mich!

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