Ein ganz besonderes Adventerlebnis

Veröffentlicht: 18. Dezember 2011 in Die Wichtigkeit des Seins, Weihnachten und Neujahr
Schlagwörter:, , , , , , ,

 


Heute hatte ich eine weitere Weihnachtslesung im Kurhaus im Nachbarort, wo ich ja regelmäßig lese. Das sind immer ganz kuschelige Lesungen im kleinen Rahmen (10-30 Personen), die aber immer sehr stimmungsvolle Zusammenkünfte sind. So auch heute. Und heute waren es 15 (inkl. eines Jungen mit schwerem Down-Syndrom).

Aber jetzt zum absoluten Highlight:

Vor der Lesung kamen zwei Damen mit dem Jungen zu mir. Ich kann das schwer schätzen, aber ich würde sagen, er war zwischen 12 und 14 Jhre alt.
Ein ganz armer Bursche. Sie haben mir nachher auch noch erzählt, was er erst die letzten Wochen durchmachen musste und dass er deshalb gerade besonders verstört ist. Sie versuchen gerade, ihn wieder halbwegs „ins Leben zurückzuholen“. Er wurde schwer misshandelt und so …

Ich traf sie im angeschlossenen Cafe und sie sagten, sie würden gerne zur Lesung kommen, aber es sei ihm heute schon alles zu viel. Er sei extrem unruhig.
Ich sagte dann: Aber versuchen sie es doch einfach. Wenn es nicht geht, dann können sie doch jederzeit hinausgehen. Mir macht das nichts.

Sie kamen dann in den Lesungsraum, um mir zu sagen, dass sie nun doch nicht kämen, weil er bereits herumzuschreien begonnen hatte.

Ich wieder: Das ist schade, aber wie immer sie sich entscheiden. Wenn sie es versuchen wollen, ich bin sofort dafür!

Sie gingen mit ihm ein bisschen spazieren und kamen dann. Es ließ sich schwierig an, er wollte schon gar nicht bei der Tür herein und er war während der erste Texte wirklich extrem unruhig. Er schrie zwar nicht, aber er gab dauernd irgendwelche Geräusche von sich und war auch sitzunruhig.

Ich las konzentriert und unbeeindruckt – einfach wie immer. Und konnte die Leute auch gut mitnehmen, so dass er auch für sie nicht allzu „störend“ war.

Dazwischen lächelte ich ihn auch immer an und hatte Augenkontakt mit ihm – er saß in der zweiten Reihe, mir genau gegenüber. Und plötzlich, so nach dem 3./4. Text – als dann auch die ersten gereimten Texte kamen – wurde er immer ruhiger! Die zweite Hälfte hörte man von ihm nicht einen Mucks!

Mutter und Großmutter, die ihn begleiteten, sagten nachher, meine Lesung und meine Stimme, und mit Sicherheit auch die Emotion, mit der ich las, haben ihn einfach angesprochen und beruhigt.

Ich glaube nicht, dass ich schon jemals bei einer Lesung etwas Schöneres erlebt habe!

Ich habe dann nachher auch mit ihm „gesprochen“. Er kann sich zwar nicht mit Worten artikulieren, aber er mochte mich merkbar und wir haben miteinander gelacht. Sie kauften ihm dann ein Buch und ich habe es extra für ihn mit seinem Namen signiert. Das ließ er dann nicht mehr aus den Händen …

Ich schwebe noch immer …
Es war ein überwältigendes Erlebnis, dass ich mit meiner Stimme, meiner Art zu lesen, offensichtlich Menschen erreichen kann, die Worte als Begriffe nicht verstehen.

Ach ja, und noch etwas: Alle Anwesenden waren ebenso fasziniert und fanden, dass dies ein ganz besonderes Erlebnis auch für sie war!

 

Advertisements
Kommentare
  1. das ist ein wunderschönes erlebnis!

  2. fini sagt:

    Ich erlaube mir jetzt, mich ganz persönlich dazu zu äußern, aber ich bin nicht böse, wenn Du es löscht. Ich bin ja sehr emotionell und das weißt Du auch, aber diese Zeilen schreibe ich eigentlich nicht nur emotionell, sondern auch gut überlegt.
    Ich denke, Dir selbst ist noch gar nicht so recht bewusst, dass Du Menschen erreichen kannst, die Worte als Begriffe nicht verstehen.
    Es liegt gewiss an Deiner tollen Lesestimme (einbisserlneidischbin) und natürlich an Deiner Art zu Lesen, wie überhaupt Deine Texte für Wortverständige Menschen, aber eigentlich liegt es an Dir selbst, an dem was aus Deinem Herzen kommt. Ich bin nicht so wortgewandt, aber sehr sensibel. Ich spüre die Menschen eher, als dass ich sie mit meinen Augen wahrnehme. Sorry. Besser kann ich es nicht zum Ausdruck bringen.
    Für die besondere Begegnung mit dem Jungen freue ich mich für den Jungen und natürlich für Dich und für alle anderen, die das Besondere auch erspüren durften.
    Bin schon weg, aber das musste ich einmal los werden.

  3. evelyne w. sagt:

    ach finilein,

    da gibts nix zu löschen!
    auch wenn es mir dann schon auch ein bissi peinlich ist, wenn das so dargestellt wird, als wäre ich was besonderes. das bin ich sicher nicht!
    und ich sehe es absolut so, dass MIR etwas geschenkt wurde!

    natürlich ist es schön, dass einem so ein erlebnis einfach heranwächst, ohne dass man dafür etwas besonderes tun muss. und denke ich dann auch, ja, ich hab wirklich auch keinerlei berührungsängste mit kranken oder auch alten menschen, wie man weiß. und die spüren das dann offensichtlich.
    das ist nicht jedem gegeben … und auch wenn ich selbst jahrelang daran gearbeitet habe, dorthin zu gelangen, sehe ich es imme rnoch als gnade an, dass es nun einfach so IST.
    denn in der situation selber habe ich weder nachgedacht, noch irgendetwas besonderes, nicht einmal anders, gemacht als sonst.

    erst nachher wurde mir das bewusst und natürlich auch, weil die mutter dann mit mir darüber sprach und ebenfalls sehr glücklich war.

    danke und ganz lieben gruß zu dir

    deine lintschi
    .

  4. Dagi sagt:

    Sitze hier mit einer Gänsehaut am ganzen Körper und spüre dieses besondere Erlebnis nach…und ich könnte es nicht besser ausdrücken als Fini….sehr berührend…und deine Stimme ist reine Emotion…deshalb höre ich deine Texte auch immer, anstatt sie zu lesen…LG und dickes Bussi Deine Dagi

    • evelyne w. sagt:

      no ja, du bist auch eine brave leserin! da kann man nicht meckern … *ggg*
      aber ich selber mag gesprochene texte so gern, und vor allem lyrik, die lese ich selber auch zu hause immer laut – auch fremde 😉
      wahrscheinlich macht sich das einfach bemerkbar.

      das witzige ist ja, dass ich eine „lesestimme“ habe. so im täglichen leben habe ich irgendwie eine andere stimme, viel höher und sie kippt auch oft. wurden mir mal bei einer op die stimmbänder ein wenig angesäbelt … aber ich beginne zu lesen und alles ist gut …

      danke liebes und noch einen schönen restadvent
      und ein fröhliches weihnachtsfest!

  5. fini sagt:

    Tja lintschi. Du möchtest nicht im Licht stehen und das verstehe ich, aber du sendest Licht aus und das muss Dir gewiss nicht peinlich sein. Nimm es einfach hin, dass es manche Menschen stärker spüren,….. das Licht/Dein Licht. Das ist ja nur positiv.
    Danke Dagi. Ich freue mich, jemanden anzutreffen, der das auch so sieht.:-)
    Ein schönes Weihnachtsfest!
    Bin schon wieder weg.:-)

  6. syntaxia sagt:

    Superschön, dein Erlebnis, liebe Lintschi!
    Ja, mit Worten können wir viel bewirken, das habe ich bei meinen Kursen mit Autisten auch erlebt und setze es teilweise heute bei Kindern mit Autismus in der Therapie mit ein.

    ..grüßt dich Monika (die jetzt schnell ihre kleine Patientin mit Down Syndrom hereinholt)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s