Theaterleben

Sie lebte auf einer Bühne. Spielte ein Stück. Das niemand verstand.
Ich brauchte Jahre. Es zu verstehen. Jahrzehnte.
Nach vorne strahlend. Immer freundlich. Perfekte Mutter. Geliebte Frau. Schönes Heim.
In den Kulissen wartete die Depression. Band ihr die Arme. Auf den Rücken.
Der Text kam aus dem Souffleurkasten. Für die Mutter. Für die Frau.
Auf dem Schnürboden hing schon das Vergessen. Auch das Vergessensein.

Der Vorhang wurde immer schwerer. Und doch. Tägliches Öffnen. Vor dem falschen Publikum.
Kein Applaus von mir. Nur von der Claque. Die in der ersten Reihe saß. Und von den Regisseuren in den weißen Mänteln.

Das neue Stück hieß Mitleid. Mit allem. Mit jedem. Nur nicht mit mir.
In den Pausen. Suche nach Botschaften. Von Hiob. Von Allen. Von Jedem. Nur nicht von mir.
Der Dialog wurde gestrichen. Der Monolog wurde geweint.

Das letzte Stück:
Perfekte Mutter. Noch immer. Das Spiel: Viele Besuche. Das gibt Applaus. Von ihr. Für sie.
Und in der Pause. Ein Eis. Von mir. Für sie.

 

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Kommentare
  1. jetzt weiss ich, dass wir uns wirklich kennen liebe lintschi.

    • evelyne w. sagt:

      ich glaube, für diese geschichten gibt es eine große verwandtschaft. über unser beider freue ich mich ganz besonders!

      es ist wirklich faszinierend für mich, wieviele menschen zu diesen geschichten identifikationsbrücken bauen können.
      es wäre schön, wenn sie dazu helfen, erkennen zu können, dass nicht gerade den einzelnen das schicksal auf diese weise beutelt.
      sondern dass sehr viele menschen an diesem bündel tragen. und sich der eine oder andere deshalb aus der opferrolle erheben könnte und mehr frieden mit sich, mit seinen eltern und damit in seinem leben findet.

  2. Petra Stiefvater sagt:

    auf der bühne des lebens…

    da ist vieles, was mir hierzu einfällt. das suchen nach aufmerksamkeit, nach zuschauern und applaus. auf der suche nach anerkennung sich selbst verloren.
    doch wollte sich der mensch in seinem theaterleben überhaupt finden?
    möglichkeiten hätte es vermutlich gegeben, aber das „spielen“ war einfacher,
    unkomplizierter, weniger mit steinen behaftet.

    ein mensch wählt seinen weg selbst. auch der bühnenspieler.
    doch nach jedem spiel fällt auch der vorhang!
    was bleibt dann?

    dir liebe grüße,
    petra

    • evelyne w. sagt:

      genau! was bleibt dann …
      das problem liegt sicher auch darin, dass sich dieser mensch wahrscheinlich auch selbst etwas vorspielt. also niemals aus seiner rolle heraustreten kann.
      und deshalb ist eine leere bühne oder kein applaus nahezu lebensbedrohlich.
      denn dann … was bleibt dann?

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