1.

Wir wissen von verschiedenen Forschungsergebnissen, dass ein Embryo bereits die Stimmungen der Mutter übernimmt. Weiters ist, denke ich, bereits unbestritten, dass die ersten Lebensjahre (vornehmlich bis zum zweiten) für die Konditionierung des Gefühlshaushaltes eines Menschen am wesentlichsten sind, die dem Prozess der Individuation zugrunde liegt.

Daraus ergibt sich für mich eine logische Schlussfolgerung:
Ein Kind in dieser Zeitphase kann im Prinzip nur emotionale Erfahrungen machen. Erst nach und nach werden diese von den bewussten überlagert. Und dort entstehen dann natürlich enorme Ambivalenzen. Weil der bewussten Wahrnehmung oft gefühlsmäßig etwas ganz anderes zugrunde liegt.

Also –
Eine Mutter, die z.B. in ihrem Leben überfordert ist, wird keine gute Stimmung auf ihr Kind übertragen können. Das Kind wiederum hat aber keine Möglichkeit, zu unterscheiden. Es wird diese Stimmung mit sich selbst in Zusammenhang bringen.

Wenn nun beispielsweise die Mutter Streit mit ihrem Chef oder dem Finanzamt hat, dann kann es passieren, dass das Kind dies auf sich bezieht und ein Schuldgefühl entwickelt! Dieses Schuldgefühl kommt aus der untrennbaren Symbiose von Mutter und Kind. Wir werden dieses Schuldgefühl auch später empfinden, wenn wir der Selbstliebe nicht folgen. Z.B. wenn wir zu viel essen! Das ist in den meisten Fällen nicht selbstliebend – und das Schuldgefühl dafür ist ein gängiger Faktor in unserer Gesellschaft.

Wie wir sehen, sind zu diesem Zeitpunkt also Mutter und Kind eins und unterliegen deshalb miteinander dem Prinzip der Selbstliebe.
Wie man sich leicht vorstellen kann, erzeugt die Ambivalenz in diesem Einssein enormen Schmerz. Das Kind wird sich schützen. Und in den meisten Fällen wird es emotional der Mutter folgen, weil es keinen anderen Schutz kennt – und eigentlich auch gibt.
Dann kommen die bewussten Erfahrungen und die „Erziehungsphase“. Dann stimmt oft gar nichts mehr. Das Kind wird wie ein Schilfrohr im Wind schwanken zwischen dem Folgen der Mutter oder der Abwendung. Aber – und das ist jetzt der springende Punkt: Es wird ihm nie mehr im gesamten Ausmaß bewusst werden, wo und wann dieser Weg eingeschlagen oder verlassen wird. Und zwar bei allen Entscheidungen des täglichen persönlichen Erlebens. Denn auch wenn das Kind sich im Unbewussten an der Mutter orientiert, wird bei sehr vielen der bewusste Weg in das Gegenteil verfallen.

Wir alle kennen die Fälle, wo Kinder von alkoholkranken Müttern ebenfalls alkoholkrank werden, oder andererseits zu militanten Antialkoholikern werden.
Daraus ergibt sich aber wieder offenkundig, dass Mütter in den seltensten Fällen mit ihrem Leben im Einklang stehen. Schon allein aus der Dynamik, die sich daraus ergibt.

Und deshalb sage ich immer: Das Gegenteil ist nur dasselbe. Weil es keine Lösung der Mutterbindung mit sich bringt.
Man muss lernen, etwas ANDERES zu machen.

Interessant wäre natürlich in diesem Zusammenhang, wie Menschen, die sich nicht von ihren Müttern geliebt fühl(t)en, denn die Liebe ihrer Mütter als richtig angesehen hätten. Wo liegt die Wurzel dieser Aussage, woran wird sie festgemacht?
An der mangelnden Betreuung, sei es seelisch oder körperlich? Ist diese ein Kriterium dafür, dass man die Liebe der Mutter fühlen kann?

Ich glaube nicht!

Es kann auch eine schwerkranke Mutter, die ihr Kind nicht betreuen kann, ihr Kind lieben und es muss für dieses voll spürbar sein. Also – wo ist dieser Knackpunkt?

 

Weiterlesen >>> Gedanken über die Mutterliebe II.

 

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Kommentare
  1. Hannelore E. sagt:

    Liebe Evelyne! Deine Gedanken haben mich aus bestimmten Gründen elektrisiert. Seit gestern denke ich immer wieder darüber nach.
    Wo liegt wirklich der Knackpunkt? Ich bin davon überzeugt, er liegt bereits in der Schwangerschaft. Ist das Kind erwünscht? Hat die Mutter andere Pläne? Bei vielen Frauen ändert sich eine Anfangs negative Haltung mit dem Fortschritt der Schwangerschaft oder spätestens bei der Geburt. Bei einigen aber geht die Ablehnung des Kindes weiter und das zieht sich dann wie ein roter Faden durch das gesamte Leben des Kindes.
    Kind wird nicht geliebt, ist unerwünscht. Kind spürt das und denkt, es wäre daran schuld. Mangelnde Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit führen zur psychischen Gewalt. die von Kindern oft wesentlich schlimmer als körperliche Gewalt empfunden wird! Kind wird klein gehalten, missachtet, eingeschüchtert, unterdrückt, zurückgewiesen, beginnt zu verkümmern. Es ist überzeugt davon, schlecht und schuldig zu sein. Es hungert ständig nach Liebe und Anerkennung, buhlt regelrecht darum und wird immer wieder zurück gestoßen und fügt sich irgendwann.
    Ich habe es erlebt und bin stolz darauf, es ANDERS gemacht zu haben.

    • evelyne w. sagt:

      wie schön, hannelore, dass du weiter dabei bist … danke!

      ich möchte mein thema ein wenig eingrenzen.
      es geht mir (hier) nicht darum, dass unerwünschte kinder (egal zu welchem zeitpunkt sie unerwünscht sind) selbstverständlich probleme haben, sich geliebt zu fühlen. dass diese fälle, wie du sie beschreibst logischerweise psychische verletzungen herbeiführen.

      doch die verinnerlichung der gefühle in den ersten jahren führen bei JEDEM kind wie ein roter faden durch sein leben.
      und hier geht es mir darum, dass es weitgehendst verbreitet ist, dass sich fast jeder von seiner mutter am liebsten loslösen würde. sie nicht als vorbild in seinem leben integriert. meistens zeigt sich das in oppositonellem äußeren verhalten.
      ich schreibe bewusst „äußeren“, weil es eben nicht möglich ist, sich von seiner mutter zu lösen. sie bleibt immer der schoß, aus dem wir wachsen. deshalb spielt sich in unserem inneren oft etwas anderes ab, als es uns bewusst ist.

      leider höre ich in so vielen gesprächen, meine mutter konnte mich nicht lieben.
      und darauf zielt dieser denkansatz ab.
      es kann nicht sein, dass alle diese mütter ihre kinder nicht lieben oder liebten.
      deshalb die frage: woraus schließt ein erwachsener mensch, dass ihn seine mutter nicht oder zu wenig geliebt hat?

      woran würde man die „gute“ mutterliebe erkennen?
      wieso erkennen sie die meisten nicht?
      liegt das wirklich an den müttern? vor allem – liegt das NUR an den müttern? die meisten mütter wollen für ihr kind das beste. und das beste ist für sie leider oft das, was sie selber nicht hatten. dass dies für ihr kind oft nicht das richtige ist, können sie nicht erkennen. das sind verhängnisvolle dynamische vorgänge, sonst nix.

      es liegt also an der mangelnden selbstliebe der erwachsenen kinder.
      und dort komme ich zu meinem ansatz zurück: wieso bildet ein kind mangelnde selbstliebe aus?

  2. annette sagt:

    hallo evelyne. hat mich sehr berührt muß ach erstmal durch atmen.ich denke das es schon sehr wichtig ist sich diese frage zu stellen.erst einmal war ich auch lange jahre eine kranke bettlägerige mutter.das habe ich mir selbst oft zum vorwurf gemacht und es war bestimmt auch in dem einen oder anderen punkt richtig.ich glaube das ich mich nicht als den nabel der welt sah und sehe hat meinen kindern geholfen sie konnten sich an mir reiben ich war sparing partner und zuhörer. der ideen hatte aber nicht gleich eine kommplete wegbeschreibung.ich weis für mich das ich meine kinder liebe mit all den haken an denen ich mich auch heute noch das eine und andere mal verletze.

    • evelyne w. sagt:

      siehst du annette,
      genau das meine ich.
      die mutterliebe KANN man einfach nicht an der betreuung festmachen.
      aber ich gehe im nächsten teil genauer darauf ein.

      hier also einstweilen nur ein rasches danke! und lg

  3. Masumi sagt:

    Ein schöner Beitrag, Evelyne!
    Ich stelle oft fest, dass zwischen dem, was wir sagen (das Bild von unserem Tun), und dem, wie wir Handeln (unser tatsächliches Tun), Welten liegen. Gerade in Bezug auf unser Bindungs- und Konfliktverhalten, welches ja maßgeblich zunächst durch die frühen Jahre bestimmt wird. Also im Grunde genau das, was du oben beschreibst.
    Wer keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat, ihnen folglich nicht traut, so er sie denn wahrnimmt, dem fehlt oft die Fähigkeit, sein Verhalten entsprechend zu reflektieren.
    Meine Mutter zum Beispiel nimmt meine Kritik an ihrem früheren Verhalten sehr persönlich. Sie versichert mir auch immer wieder, sie habe es doch gut gemeint und ich sei ein Wunschkind gewesen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie mich liebt. Aber das macht nicht automatisch alles richtig, was sie getan bzw. wie sie sich verhalten hat.
    Interessant für mich ist es nun, mich selber und mein Verhalten zu prüfen und dazu in Beziehung zu setzen. Dabei folge ich in meiner Auseinandersetzung sehr deinen Gedankengängen.

    • evelyne w. sagt:

      hallo masumi,
      schön, dass du da bist. ich freue mich sehr darüber!

      ja, du hast mich offensichtlich richtig verstanden, bzw. bist auf einem ähnlichen gedankenweg wie ich.
      ich selber setze mich auch immer wieder mit meiner mutter und meiner mutterbindung auseinander.
      ich weiß, dass meine mutter mich geliebt hat, mich noch immer liebt.
      aber sie war eine hilflose, nicht belastbare frau. und ich habe mehr als 40 jahre gebraucht, um ihr keine vorwürfe mehr zu machen. innerlich!
      wie du schreibst, das macht nicht alles richtig, wie sie es gemacht hat. im gegenteil.

      diese reflektion, die du andenkst, das ist ein teil des knackpunktes! ein wesentlicher sogar.

      zu lernen, dass unsere mütter uns geliebt haben – und sich aufgrund dynamischer vorgänge so oder so verhalten haben, bringt der selbstliebe einen enormen schub. dort können wir aufbauen! nicht im ewigen bewusst- oder auch unbewusstsein, unsere mütter haben uns nicht geliebt.
      deshalb müssen wir als erwachsene nach der bestimmt vorhandenen liebe unserer mütter ausschau halten. und nicht im vorwurf bzw. in der verantwortungszuweisung, verharren. uns selbst zuliebe!

      antworten auf meine fragen:

      wie Menschen, die sich nicht von ihren Müttern geliebt fühl(t)en, denn die Liebe ihrer Mütter als richtig angesehen hätten. Wo liegt die Wurzel dieser Aussage, woran wird sie festgemacht?

      oder auch –
      wie menschen, die sich von ihren müttern einfach nicht verstanden fühlen (was ja auch bedeutet, dass sie ihre mütter auch nicht verstehen), diesen prozess als richtig ansehen würden.

      können für diese erkenntnisse sehr viel weiterhelfen.

  4. fini sagt:

    Ein altes Sprichwort sagt:“ Vater werden ist nicht schwer. Vater zu sein dagegen sehr.“
    Das gilt doch auch für Mütter.
    Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen (ich bin selbst Mutter eines erwachsenen Sohnes):
    „Wenn man als erwachsener Mensch bereit ist, (wo man grundsätzlich für sein Leben selbst verantwortlich ist) den Zugang bzw. den geistigen/seelischen Kanal zur eigenen Mutter zu öffnen, dann ist man auch in der Lage, die Liebe der Mutter zu spüren.“
    Es liegt also doch mehr an einem selbst, da anzukommen.
    Schade, dass ich diesen Zugang viel zu spät geöffnet und gefunden habe, aber lieber spät, als gar nicht. Es ist ein ganz anderes Lebensgefühl, mit der Mutter in Frieden zu sein und dazu gehört auch, sich von der Mutter geliebt zu fühlen. Ich behaupte sogar für mich, dass es meine Lebensqualität enorm gehoben hat. Meine Mutter lebt nicht mehr, aber die Verbundenheit wird nicht verblassen. Dass ich so in Frieden mit ihr bin, sorgt dafür mich von ihr geliebt zu fühlen bis über den Tod hinaus.
    Danke Lintschi für das interessante Thema.
    Lg
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      ach fini,
      es gibt leider so viele menschen, die mit ihren altvorderen keinen frieden machen können, ihnen auf ewig schuld zuweisen. oder sie zumindest für alles mögliche verantwortlich machen wollen, was in ihrem leben schiefgeht. und dabei gar nicht merken, dass sie sich nur selber damit schaden.
      schön, wenn es bei dir anders ist!

      lg lintschi

  5. fini sagt:

    Zitat von Lintschi:
    was in ihrem leben schiefgeht. und dabei gar nicht merken, dass sie sich nur selber damit schaden.
    Ja Lintschi. Ich kenne selbst einige. Da hat man das Gefühl, sie wollen das gar nicht verändern, denn wem können sie dann die Schuld für ein eigenes Versagen zuweisen?
    Das mag hart klingen, aber ich sehe das so.
    Dass der eine oder der andere daran arbeiten muss, trifft gewiss zu, aber man muss ja auch bei Schuldzuweisungen daran arbeiten, um diese stets frisch zu halten. Das ist doch auch mühsam. Da ist es doch allemal besser, daran zu arbeiten, wie ich den Zugang/Kanal öffnen kann, um in Frieden die Mutterliebe zu ver/erspüren und diese Liebe selbst zu pflegen. Dann wird sie keine Lücke im weiteren Leben mehr hinterlassen. Ein erwachsener Mensch schafft das, wenn er selbst mit sich im Reinen ist und außerdem kann man sich dafür auch professionelle Hilfe holen.
    Da werden die Energien trotzdem besser verwertet und wirken sich gewiss positiver auf das Leben aus, als bei Schuldzuweisungen und „sich nicht geliebt“ zu fühlen, hängen zu bleiben. Man steht sich dadurch nur selbst im Weg.
    Sorry, aber das musste ich jetzt noch schreiben.
    Lg
    Fini

  6. evelyne w. sagt:

    ganz genau, liebe fini, ganz genau so!

    schönes wochenende!

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