Flossenbürg 2011 – III. Gedenkstätten

Veröffentlicht: 2. Juli 2011 in Flossenbürg 2011
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Lange blieb ich stehen, versuchte meine Gefühle zu orten. Was spürte ich hier? Was?
Spüren? Oder denken?, war die erste Frage, die ich mir stellen musste.
Die Ambivalenz kam eindeutig aus dem Konglomerat aus beidem. Ich weiß nicht mehr, was ich erwartet hatte, aber mit Sicherheit war es etwas anderes gewesen. Meine Erwartungshaltung biss mich ins Bein. In diesem Augenblick schmerzte die Wunde noch brennend.

Wie immer, und besonders in schmerzhaften Situationen, versuchte ich mich aufs Spüren zu konzentrieren, das Denken so weit wie möglich auszuschalten.

Die grüne Weite in meinen Augen, das laue Lüftchen an dem schattigen Platz, an dem ich stand, luden zum Verweilen ein. Also blieb ich.
Langsam löste sich der Aufruhr in meinem Inneren. Ich spürte, wie das Leben weiterging. Es schien, als spürte ich das Gras wachsen. Die Ewigkeit des Hier-und-Jetzt hatte mich erreicht.
Ich schloss die Augen, um von dem Ausblick nicht länger abgelenkt zu sein.

Aus meinem Bauch stieg Wärme in mein Herz. Demut – an diesem Ort stehen zu können, satt und sicher.
Gedenken war so wichtig, jedoch die Art und Weise des Gedenkens konnte doch ebenso von der anderen Seite aufgerollt werden. Musste man wirklich Gedenken gleichsetzen mit Darstellung von Gräueltaten und bluttriefenden Dokumenten?
Niemals war ich dafür. Auch in den Aktionen, an denen ich mich beteiligte, z.B. für hungernde und missbrauchte Kinder. Nicht die Darstellung ihrer Not brachte Linderung. Sondern das Aufzeigen von Möglichkeiten, Aufforderung zum Schulterschluss, zur Solidarisierung mit jenen, denen das Schicksal anderer Menschen nicht egal war, die bereit waren, genau hinzusehen und dann die Ärmel aufkrempelten.
Die Darstellung der Gewalt, die in immer brutalerer Form gezeigt wird, macht dem Menschen soviel Angst, dass die meisten keine andere Möglichkeit finden, als abzustumpfen, nicht hinzusehen, zu verdrängen, was sie sehen.
Soviele Jahrzehnte nach den furchtbaren Geschehnissen des Holocaust war es an der Zeit zu gedenken, ja, immer wieder! Aber es war auch schon lange der Zeitpunkt gekommen, nicht mehr in Blut und Asche herumzustochern und sie immer wieder aufzuwühlen. Kriminelle Potentiale dadurch weiter zu schüren, die schaurigen Bedürfnisse pathologisch verkrüppelter Seelen immer wieder zu erfüllen, ihnen immer weiter negative Vorbilder zu geben. Ihnen Macht zu geben, weil diese sich an dem Anblick aufgeilen und sich immer wieder daran ergötzen, was bedeutet, dass es beinahe die einzigen sind, die sich das auch wirklich ansehen. Alle anderen verdrängen doch lieber …

Der Mensch muss aus der Opferrolle heraustreten, um kein Opfer zu bleiben.
Dazu gehört es auch, an den Opfern nicht festzuhalten. Dass es diese Opfer gab, muss unbestritten bleiben, dass ihr Leiden unermesslich war, ebenfalls, aber aus ihrem Leid muss Solidarität erwachsen, solches Leid in Zukunft vermeiden zu wollen. Dann hat ihr Leiden Sinn erwirkt.
Wenn wir lediglich an ihrem Leid festhalten, dann werden wir zu Voyeuren! Die sich ihr Leid anschauen, wie durch ein Zeitfenster und dann den Vorhang fallen lassen, um zum Alltag überzugehen.
Nein! Hier war eine Gedenkstätte und kein makabres Museum.

Ich öffnete die Augen wieder. Hier war Möglichkeit zur Meditation, zum wahren Gedenken in Freiheit. Auf dieser Basis konnte man positiv weitergehen.
ICH wollte weitergehen! Und ich folgte dem Weg noch interessierter, weil die unsichere Spannung von mir abgefallen war.

Die steinernen Kreuze wurden nun von halbrunden Gedenksteinen abgelöst.

flossenbuerg

Auf der linken Seite des Weges stand die Jüdische Gedenkstätte. Ein – wie so oft leider, wenn Architekten im Spiel sind – seltsam hässliches kleines Gebäude, in welchem man eher die öffentliche Toilette vermutete. Aber davon wollte ich mich nicht irritieren lassen. Lästermaulrülpser meinerseits über architektonische Missbildungen waren bei anderen Objekten angebrachter.

flossenbuerg

Die Juden waren in der Hierarchie des Lagers die allerletzten. Ein Beispiel: Es gab Prämienscheine für Minivergünstigungen, wie mal ein zusätzliches Stück Brot oder für einen Besuch im Lagerbordell (wo weibliche Gefangene, die in Außenlagern untergebracht waren, zur Prostitution gezwungen wurden!). Die meisten dieser Scheine wurden willkürlich verteilt, wahrscheinlich um den Kapo noch besser heraushängen lassen zu können. Juden waren grundsätzlich von diesem Prämiensystem ausgeschlossen …

Die Tür zur Gedenkstätte stand offen.

flossenbuerg

Der Blick in das Innere ließ mich wieder still werden. So hässlich das Gebäude von außen war, die Schlichtheit und die Anordnung des Innenraums bescherten mir beim Eintreten sofort besinnliche Ruhe. Hier gab es nichts Anklagendes, auch hier keine Darstellung von Gewalt. Auch hier wurde der Besucher einfach auf sich selbst zurückgeführt.

flossenbuerg

Das Schattenspiel des Davidsterns im Dachfenster des kleinen Turmes wirkte in diesem Raum wie eine Lichtinstallation.

flossenbuerg

Ein kurzes Verweilen an der Mahntafel, dann trat ich in trauriger Ruhe wieder in die Sonne, um meinen Weg fortzusetzen.

<<< Teil I – Ankunft
<<< Teil II – Der Appellplatz
Teil IV – Die Kapelle >>>

 

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Kommentare
  1. bea sagt:

    spannend bescherst du mir neue perspektiven

    es grüßt bea

    • evelyne w. sagt:

      das ist es, was ich mit diesem versuch eines spürberichts erreichen will.
      einmal andere perspektiven aufzuzeigen, nicht immer nur anklagen und das spiel mit dem grauen ….

  2. Josefine Praxl-Eder sagt:

    Ich danke für die Perspektive, die Du mit diesen Zeilen hoffentlich nicht nur mir öffnest.
    Sie sind so energieübertragend, dass man den Frieden, der aus Deinem Herzen strahlt, selbst richtig erspüren kann. Ich habe das Gefühl, als hätte mich jemand durch diese Gedenkstätte getragen und es geht mir gut dabei. Bei einer Führung vor vielen Jahren in Mauthausen hat sich das noch anders gefühlt.

    Vielen Dank
    Fini

    • evelyne w. sagt:

      ich danke DIR, fini!

      ich glaube, dass es ein umdenken braucht in diesen belangen. dass es nicht nur radikales aufzeigen einerseits und verdrängung andererseits geben kann. mit beidem kann man die vergangenheit nicht heilen …

  3. Gabi Arens sagt:

    Der Verlust an Menschenleben,Liebe und Zuneigung,überhaupt an Menschlichkeit während der Nazizeit ist das schlimmste Erbe,das wir übernommen haben

    • evelyne w. sagt:

      da hast du recht!
      weißt du, es gibt überall auf der welt verfolgung und hass, folter und gräueltaten. und es gab sie auch schon immer (wie ich an meiner nächsten station auch deutlich erkennen konnte). „gemessen“ wird aber immer an der masse! und da führen diese vielen millionen natürlich eine sehr makabre liste an.

      das problem ist sicher, dass immer eine dynamik des bösen entsteht. und dieser kann man nur entgegenwirken, wenn man eben nicht immer nur mehr in die gleichen kerben schlägt.
      radikales immer wieder aufzeigen bringt nur radikalität zustande. es muss ein umdenken stattfinden können. und dafür muss jeder einzelne wege suchen.

      meiner ist dieser versuch …

  4. Traveller sagt:

    dieser Versuch gelingt dir sehr gut, Lintschi

    eine Gedenkstätte, die den Menschen Raum gibt, selber zu spüren, zu denken, statt ihnen nur fertige Bilder von früherem Grauen vorzusetzen – das gefällt mir immer besser
    dezente Hinweise auf das, was geschehen ist, aber so, dass der Mensch erkennt: man kann das überwinden
    man muss das überwinden – aber eben ohne zu vergessen

    • evelyne w. sagt:

      ja, mir gefiel das auch immer besser.
      einmal muss die vergangenheit vergangenheit sein.
      das darf wohl niemals als ausrede gelten, niemals dürfen diese geschehnisse verniedlicht oder verallgemeinert werden, oder gar als entschuldigt gelten.
      aber die überwindung muss das ziel sein. das hat nichts mit vergessen zu tun oder mit pauschaler amnestie.

      ich sehe es so, dass einem auch die täter leid tun können/müssen. aber das darf nichts damit zu tun haben, dass man ihre taten rechtfertigt!

  5. Fini sagt:

    Zitat:ich sehe es so, dass einem auch die täter leid tun können/müssen. aber das darf nichts damit zu tun haben, dass man ihre taten rechtfertigt!

    Ich meine, genau darin liegt es ja auch grundsätzlich, seinen eigenen Frieden zu finden. So könnte dieser Friede auch von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden. Immer in dem Bewusstsein, dass Vergangenheit nicht veränderbar ist.
    Wir leben jetzt und es liegt an jedem einzelnen, das zu erkennen. Für jetzt und für die Zukunft.
    VERGANGENHEIT IST NICHT VERÄNDERBAR. Der Friede im Menschen ist Balsam, der zwar nicht käuflich, aber trotzdem erwerb/erreichbar ist.

    • evelyne w. sagt:

      vergangenheit ist nicht veränderbar. genau. aber sie kann die gegenwart und zukunft ändern. und das sollten wir unbedingt für uns in anspruch nehmen.
      dazu gehört gedenken, ohne festzuhalten!

  6. monika kafka sagt:

    sehr sehr gut geschrieben, lintschi, das berührt herz und hirn, engt nicht ein und lenkt dennoch ganz subtil.

    respekt!

    mo

  7. Heidi sagt:

    Liebe Lintschi, Deine Präsentation ist so schön man ist berührt, traurig und erleichtert zugleich wenn man es aus Deiner perspektive sieht , Danke Heidi

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