Flossenbürg 2011 – IV. Die Kapelle

Veröffentlicht: 30. Juni 2011 in Flossenbürg 2011
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Nur wenige Schritte weiter befindet sich die Kapelle „Jesus im Kerker“. Sie wurde von Überlebenden nach dem Krieg zum christlichen Gedenken an die Gequälten und Ermordeten errichtet.

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Die Kapelle befindet sich auf einem Areal, das sich bereits außerhalb des ehemaligen Lagerzauns befindet. Um das Martyrium der Arbeit im Steinbruch zu symbolisieren, wurde sie aus den Granitsteinen abgerissener Wachtürme und Baracken gebaut. Dies wird ganz deutlich, weil sich unmittelbar daneben noch einer dieser kurios harmlos wirkenden Wachtürme befindet.

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Wer mich kennt, weiß, dass ich in Jesus meinen „göttlichen Gesprächspartner“ gefunden habe.
Deshalb war meine Spannung besonders groß, als ich nun durch das dunkle Tor der Kapelle trat.

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Das Innere lag im Dämmerlicht, das durch wenige bunte Glasfenster hereinkam.
Unter den Fenstern waren Gedenktafeln angebracht. Und auch die Fenster hatten Motive, die die Aufmerksamkeit auf die Opfer verschiedener ethischer Gruppen lenken sollten.

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Mein Blick wurde aber selbstverständlich von der Kreuzigungs-Gruppe angezogen, die sich an der Stirnwand der Kapelle befindet. Die Szene unter dem Kreuz war nicht die übliche. Keine weinenden oder betenden Frauen lagerten vor dem Kreuz, sondern hier wurde ein Steinmetz geprügelt. Ein Kind klammerte sich verzweifelt an seine Mutter. Wie es schien, trug sie ihre Habseligkeiten auf der Schulter. Waren sie auf der Flucht? Oder schleppte die Frau auch Steine?
Langsam ging ich darauf zu, suchte das Gesicht des Herrn.

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Herr, sagte ich, sie haben nichts gelernt. Du bist umsonst diesen brutalen Tod gestorben.
Nein, antwortete Er, ich musste es zumindest versuchen. Und du weißt doch, es geht um die Auferstehung. Das ist das Besondere an meinem Tod, nicht die Quälerei durch die Menschen, die ihre Selbstverantwortung nicht kennen.

Auferstehung!
Genau das war es. Das war die Antwort auf die Diskrepanz, die ich zu Beginn meines Rundganges gefühlt hatte. Einerseits auf schmerzvolle Bilder förmlich zu warten und andererseits keine schmerzlichen Eindrücke erfühlen zu können, weil die Lieblichkeit des Ortes in so starkem Kontrast zu dem stand, das ich mit Erinnerung und Gedenken, im Zusammenhang mit dieser furchtbaren Zeit, verband.

Man musste all diesen Opfern gegenüber die Liebe auferstehen lassen.
Wie Christus haben sie gelitten, um uns etwas aufzuzeigen. Wer diese Botschaft nicht versteht, ist ein Verdammter. Auf ewig!
Aus ihrem Leiden musste Frieden wachsen, um ihrem Leid den einzig möglichen Sinn zu geben. Sie haben – wie Jesus! – dafür gelitten, dass wir an ihrer Geschichte lernen können, wohin unmenschliches Verhalten führt.
Nun ist es an der Zeit, in ihrem Gedenken Frieden zu leben. Ihn aus ihrem Grund wachsen zu lassen!

Es war im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Geschichte gewachsen. Und das war gut. Das hatte nichts mit Vergessen zu tun. Sondern mit Auferstehung.

Immer weiteres Verharren in den grausamen Bildern würde den damaligen Opfern die Liebe entziehen, weil wir uns selbst dadurch zu Opfern machen, zu Opfern unentrinnbaren, weil immer wiederkehrenden Grauens. Angst und aufsteigende Hilflosigkeit rücken bei ihrem Anblick in den Vordergrund, lassen die Nähe zu diesen Menschen nicht mehr zu. Wir distanzieren uns – wenn auch oft unbewusst.
Man kann das sehr leicht beobachten, wie schwer es den Menschen z. B. fällt, Schwerkranke oder Behinderte anzusehen, sie zu berühren – sie zu lieben
Nicht Mitleid brauchen alle diese Menschen. Mit anderen zu leiden, bringt niemandem etwas. Und schon gar nicht aus der Distanz von Jahrzehnten. Mitgefühl ist wichtig. Das Aufnehmen ins Innere in Liebe, nicht in Angst und Abscheu.

Auferstehung!
Jesus zeigte es. Nach all der ihm angetanen Pein stand er auf, um uns den weiteren Weg aufzuzeigen.
Und auch die Menschen in den Konzentrationslagern können wir heute in Liebe auferstehen lassen, damit sie uns den weiteren Weg zeigen. Wenn wir sie nicht dazu verdammen, auf immer und ewig für das Grauen in der Welt als Modelle dazustehen.
Auch sie würden wohl viel lieber als geliebte Erinnerung in unseren Herzen bleiben wollen, oder als Träger, auf deren Schultern eine bessere Welt zustande kam.

An diesem Ort wurde mir klar, dass den damaligen Tätern nicht auch heute noch die Macht eingeräumt werden durfte, diesen Opfern sogar die liebende Erinnerung zu verwehren, und sie auch heute noch nur als ausgemergelte Gestalten durch die Weltgeschichte zu schicken, die Grauen und Schrecken verbreiten.

Schicken wir sie lieber als jene Menschen in die Welt, auf deren Rücken der Frieden wachsen soll und denen wir dafür in dankbarer Liebe gedenken. Auf jeder grünen Wiese, an jedem Blümchen, an dem wir schnuppern können, weil sie für unseren Frieden gestorben sind.

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<<< Teil I – Ankunft
<<< Teil II – Der Appellplatz
<<< Teil III – Gedenkstätten
Teil V – Das Tal des Todes >>>

Ich bedanke mich ausdrücklich und herzlich bei Bernhard Ruehl, der mir seine Fotos von den Kirchenfenstern zur Verfügung stellte, da meine eigenen leider unbrauchbar waren.

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Kommentare
  1. Hannelore E. sagt:

    Liebe Evelyne! Als ich das las, verspürte ich große Erleichterung. Plötzlich fällt es leichter, mit diesen Gräueltaten aus unserer Vergangenheit umzugehen. Du hast die besondere Gabe, in Worte zu kleiden, was viele fühlen, aber nicht ausdrücken können. Mitleid bedrückt und hilft keinem, Mitgefühl ist das richtige Empfinden, – sanft und liebevoll. Ich umarm dich für diesen Bericht! Danke! Hannelore

  2. evelyne w. sagt:

    liebe hannelore,

    das ist das schönste, was du mir sagen konntest. dafür danke ich dir sehr herzlich! denn genau das ist mein anliegen. es ist meiner meinung nach so wichtig, von den alten verkrustungen wegzukommen. sie verhärten unsere seelen immer weiter. natürlich aus angst, aber wenn man nicht beginnt, umzudenken, sich auf das positive und darauf, was man wirklich tun kann, zu konzentrieren, dann bleibt man immer weiter gefangen!
    ich glaube, dass so viele menschen die falsche perspektvie wählen. sie beginnen oben, beim ergebnis. aber dieses ist auch in der gegenwart einfach schrecklich. und dort kann der einzelne wirklich nichts verändern. und die vermeintliche hilflosigkeit lähmt uns.
    auf der anderen seite genügt es nicht, mit fingern auf „die anderen“ zu zeigen, die angeblich dafür verantwortlich sind …
    wir müssen im kleinen beginnen, und am besten bei und in uns selbst.
    wenn wir die opfer endlich aus ihrer opferschaft herausholen, sie an uns ziehen, in unseren kreis, anstatt sie lediglich von außen wie ausstellungsstücke zu betrachten und andere dafür verantwortlich zu machen, dann kann das für gegenwart und zukunft so viel bringen!

    ich danke dir noch einmal sehr, das war jetzt wirklich eine große freude für mich, dass es dir „erleichterung“ bringen konnte. da lohnt sich jeder schritt, den ich gegangen bin und jedes wort, das ich geschrieben habe, 1000e male …
    auch ich umarme dich … gerne!

  3. monika kafka sagt:

    es berührt mich zutiefst, liebe lintschi, dir auf diesen (gedanken)wegen zu folgen.
    nein, es berührt nicht nur, es mach einfach ein wenig warm im innersten, weil die perspektive, die du aufzeigst, eine wirklich mögliche – vielleicht tatsächlich die einzig mögliche – ist, mit dieser geschichte zu leben und nicht davon erdrückt zu werden.

    du hast darüber hinaus eine wunderbare sprache gefunden, um das auszudrücken, ich würde es einfach eine zutiefst echte nennen, weil man dir das alles abnimmt, was du schreibst. selbst in der wortwahl, in deiner art, das scheinbar unsägliche zu sagen, spürt der leser dieses mit-gefühl, diese liebe, mit der du dein auge auf die geschichte gelegt hast.

    hab dank, dass du mich daran teilhaben lässt und damit neue impulse in mein denken und fühlen gebracht hast.

    herzlichst,
    mo

    • evelyne w. sagt:

      ach liebe mo,

      deine worte sind ein blumenstrauß für meine seele!
      als ich dort den entschluss fasste, darüber schreiben zu wollen, hatte ich eigentlich die befürchtung, ich würde es so nicht herüberbringen können. einerseits mein emotionales erfassen und andererseits doch auch darüber nachdenken zu können und schlüsse zu ziehen, die mir und vielleicht auch manchem anderen weiterhelfen.

      die reaktionen zeigen mir aber, dass es offenbar doch gelingt. ich selber hadere natürlich ein wenig mit meiner sprache. ich würde so gerne viel wortgewaltiger mit dem thema umgehen können, aber letztendlich ist sie wohl authentisch. und wenn man das merkt, dann will ich zufrieden sein.

      ich danke dir!
      lg lintschi

  4. Traveller sagt:

    ich schließe mich Hannelore und Mo von ganzen Herzen an
    die Diskrepanz zwischen dem, was wir von einem Ort wir Flossenbürg erwarten, und dem, was dort jetzt ist, war anfangs irritierend
    und doch kam mir die friedliche Atmosphäre deiner Bilder irgendwie richtig vor
    du hast deine Gedanken und Gefühle sehr klar und berührend in Worte gefasst, danke dafür

    aber das ist ja noch nicht das Ende, denn du hast geschrieben „Fortsetzung folgt“
    ich werde dir auch folgen

    lieben Gruß
    Uta

    • evelyne w. sagt:

      ich habe nun natürlich auch noch einiges nachgelesen. das lager wurde aus ganz anderer motivation abgerissen als um dort eine derartige gedenkstätte zu bauen. deshalb ist von den gebäuden z.b. nicht mehr viel im original vorhanden. aber gerade das ist heute das besondere an dieser gedenkstätte, es lässt viel raum für eigene gedanken, also die wahre möglichkeit des gedenkens. und ich bin dort tatsächlich draufgekommen, dass man dafür keineswegs „schaustücke“ benötigt.

      ich freue mich, dass du mit mir weitergehen wirst …
      alles liebe!

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